Carlos Castaneda – Das Feuer von innen

Kapitel 3: Die Emanationen des Adlers

Am nächsten Tag machten Don Juan und ich einen

Spaziergang entlang der Straße nach Oaxaca. Um diese Zeit

lag die Landstraße verlassen. Es war zwei Uhr am Nachmittag.

Während wir gemächlich dahinschlenderten, fing Don Juan

unvermittelt an zu sprechen. Er meinte, unser Gespräch über

die kleinen Tyrannen sei lediglich eine Einleitung zur

Thematik des Bewußtseins gewesen. Ich bemerkte, es habe mir

neue Einsichten erschlossen. Er bat mich zu erklären, was ich

damit meinte. Ich sagte ihm, meine Einsicht hätte etwas mit

einer Auseinandersetzung zu tun, die wir vor etlichen Jahren

über die Yaqui-Indianer hatten. Im Verlauf seiner Lehren für

die rechte Seite hatte er mir erzählt, welche Vorteile die Yaquis

aus der Tatsache ihrer Unterdrückung zu ziehen wüßten. Ich

hatte damals heftig eingewandt, daß es unter den

erbärmlichen Bedingungen, unter denen sie lebten, doch

unmöglich etwas Vorteilhaftes geben könne. Auch könne ich

nicht begreifen, wie er, ein Yaqui-Indianer, sich nicht gegen

solch eine eklatante Ungerechtigkeit auflehnte.

Er hatte mir damals aufmerksam zugehört. Dann, als ich

schon glaubte, er werde seinen Standpunkt rechtfertigen,

pflichtete er mir bei, daß die Lebensbedingungen der Yaquis

tatsächlich erbärmlich seien. Aber, betonte er, es sei sinnlos,

die Yaquis herauszugreifen, wo doch die Lebensbedingungen

der ganzen Menschheit schrecklich seien.

»Bemitleide nicht die Yaqui-Indianer«, sagte er. »Bemitleide

die Menschheit. Und was die Yaquis betrifft, so möchte ich

sogar sagen, daß sie Glück haben. Sie sind unterdrückt, aber

gerade deswegen können einige von ihnen am Ende

triumphieren. Die Unterdrücker aber, die kleinen Tyrannen,

die sie mit Füßen treten, haben nicht einmal in der Hölle eine

Chance.« Darauf hatte ich sofort mit einem Trommelfeuer

politischer Parolen geantwortet. Ich hatte überhaupt nicht

verstanden, was er sagen wollte. Damals hatte er noch einmal

versucht, mir das Konzept der kleinen Tyrannen zu erklären,

aber der Kern der Sache war mir entgangen. Erst jetzt paßte

für mich alles zusammen.

»Bis jetzt paßt gar nichts zusammen«, erwiderte er mir

lachend. »Morgen, wenn du wieder in deinem normalen

Bewußtseinszustand bist, wirst du dich nicht mehr an deine

jetzige Einsicht erinnern.«

Ich war tief deprimiert, denn ich wußte, er hatte recht. »Mir ist es genauso gegangen wie dir«, fuhr er fort. »Mein

Wohltäter, der Nagual Julian, ließ mich einmal, im Zustand

gesteigerter Bewußtheit, erkennen, was du eben erkannt hast

über die kleinen Tyrannen. Im alltäglichen Leben änderte ich

dann meine Meinung wieder, ohne zu wissen warum.

Ich war immer unterdrückt gewesen, darum hatte ich einen

giftigen Haß auf meine Unterdrücker. Stell dir aber meine

Überraschung vor, als ich feststellen mußte, daß ich die

Gesellschaft kleiner Tyrannen suchte. Ich dachte, ich hätte den

Verstand verloren.«

Wir gelangten an eine Stelle am Straßenrand, wo ein paar

große Felsbrocken lagen, halb unter einem alten Erdrutsch

begraben. Don Juan ging hin und setzte sich auf eine flache

Steinplatte. Er bedeutete mir, mich ihm gegenüber zu setzen.

Und dann begann er, ohne Überleitung, mit seiner Erklärung

dessen, was er die Meisterschaft des Bewußtseins nannte.

Er sagte, daß es eine Reihe von Wahrheiten gebe, welche die

alten und auch die neuen Seher über das Bewußtsein

herausgefunden hätten. Diese Wahrheiten seien, der

Verständlichkeit halber, in ein bestimmtes logisches System

gebracht worden. Die Kenntnis des Bewußtseins, erklärte er,

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bestünde nun im Verinnerlichen des ganzen Systems dieser

Wahrheiten. Die erste Wahrheit besage, so erläuterte er, daß

unsere Vertrautheit mit der Welt, wie wir sie wahrnehmen,

uns zu der Annahme verleitet, wir wären von Objekten

umgeben, die an und für sich so existierten, wie wir sie

wahrnähmen. Während es tatsächlich gar keine Objekte gebe,

sondern nur ein Universum von Ausstrahlungen – von

Emanationen des Adlers.

Bevor er mir aber diese >Emanationen des Adlers< erklären

könne, so sagte er, müsse er über drei Begriffe sprechen: das

Bekannte, das Unbekannte und das Unerkennbare. Die

meisten jener Wahrheiten über das Bewußtsein seien bereits

von den alten Sehern entdeckt worden. Doch das System, in

das sie eingeordnet wurden, hätten die neuen Seher ersonnen.

Und ohne dieses System wären die Wahrheiten nahezu

unverständlich. Daß die alten Seher es versäumten, nach einer

Ordnung ihrer Wahrheiten zu suchen, sei ein großer Fehler

gewesen. In verhängnisvoller Konsequenz dieses Fehlers,

sagte Don Juan, hätten sie angenommen, daß das Unbekannte

und das Unerkennbare ein und dasselbe wären. Erst die neuen

Seher sollten diesen Irrtum berichtigen. Sie analysierten die

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Dinge und definierten das Unbekannte als etwas, das dem

Menschen zwar verborgen, vielleicht durch einen

angstmachenden Kontext verdunkelt, aber dennoch dem

Menschen zugänglich sei. Das Unbekannte werde sich

irgendwann in das Bekannte verwandeln. Das Unerkennbare

hingegen sei das Unsagbare, das Undenkbare, das

Unergründliche. Es sei etwas, das uns niemals bekannt

werden wird, und doch sei es da – verwirrend und zugleich

furchterregend in seiner Unermeßlichkeit.

»Wie können die Seher zwischen beiden unterscheiden?«

fragte ich.

»Es gibt eine Faustregel«, sagte er. »Angesichts des

Unbekannten ist der Mensch wagemutig. Es ist ein Merkmal

des Unbekannten, daß es uns Hoffnung und Freude einflößt.

Der Mensch fühlt sich stark, unbeschwert. Sogar die ängstliche

Spannung, die es weckt, ist befriedigend. Die neuen Seher

sahen, daß der Mensch angesichts des Unbekannten auf der

Höhe seiner Kräfte ist.« Doch immer wenn das Unbekannte

sich als das Unerkennbare erweise, so sagte er, seien die

Folgen verhängnisvoll. Der Seher fühle sich ausgehöhlt,

verwirrt. Er sei tief bedrückt. Sein Körper verliere an

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Widerstandskraft, sein Verstand und sein Denken irrten

ziellos, denn das Unerkennbare habe keinerlei inspirierende

Wirkung. Es sei dem Menschen unzugänglich; darum solle

man in das Unerkennbare nicht törichterweise eindringen –

und auch nicht besonnenerweise. Die neuen Seher hätten auch

erkannt, daß sie bereits für den flüchtigsten Kontakt mit

diesem einen furchtbaren Preis zahlen mußten.

Die neuen Seher, so erklärte Don Juan, mußten gewaltige

Schranken der Tradition überwinden. Damals, als der neue

Zyklus begann, wußte ja keiner von ihnen, welche Techniken

ihrer großartigen Überlieferung die richtigen wären, und

welche nicht. Denn bei den alten Sehern war offenbar etwas

schiefgelaufen. Die neuen Seher wußten aber nicht, was. So

nahmen sie anfangs an, daß alles, was ihre Vorfahren taten,

falsch gewesen sei. Diese alten Seher waren, wie Don Juan

sagte, Meister der unbegründeten Mutmaßung. So etwa hätten

sie vermutet, ihre hochentwickelte Kunst des Sehens werde

ihnen Sicherheit bieten. Sie hielten sich für unberührbar – bis

die Invasoren sie vernichteten und den meisten einen

schrecklichen Tod bereiteten. Die alten Seher waren völlig

schutzlos, trotz ihres festen Glaubens an ihre

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Unverletzlichkeit.

Die neuen Seher vergeudeten keine Zeit mit Spekulationen

darüber, was schiefgelaufen sein mochte. Vielmehr begannen

sie das Unbekannte kartographisch zu vermessen, um es auf

diese Weise vom Unerkennbaren zu scheiden.

»Wie haben sie das Unbekannte vermessen, Don Juan?«

»Durch ihr kontrolliertes Sehen«, antwortete er. Ich hakte noch

einmal nach und fragte, was das bedeute, das Unbekannte zu

vermessen?

Das Unbekannte vermessen, sagte er, bedeute, es unserer

Wahrnehmung zugänglich zu machen. Durch unermüdliches

Sehen hätten die neuen Seher herausgefunden, daß dem

Unbekannten und dem Bekannten die gleiche Stellung

zukomme, weil sie beide der menschlichen Wahrnehmung

zugänglich seien. Die Seher könnten sogar zu gegebener Zeit

das Bekannte verlassen und in das Unbekannte eintreten.

Das Unerkennbare aber liege außerhalb der Möglichkeiten

menschlicher Wahrnehmung. Wichtig sei nur, zwischen

diesem und dem Erkennbaren zu unterscheiden. Die beiden

zu verwechseln, das würde den Seher in eine sehr prekäre

Lage bringen, sobald er dem Unerkennbaren gegenüberstehe.

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»Genau dies passierte den alten Sehern«, fuhr Don Juan fort.

»Sie aber glaubten, ihre Techniken wären in Unordnung

geraten. Es kam ihnen nie in den Sinn, daß das meiste, was es

dort draußen gibt, für uns unbegreiflich ist. Das war ihr

verhängnisvoller Irrtum, und sie haben teuer dafür bezahlt.«

»Was passierte, nachdem der Unterschied zwischen dem

Unbekannten und dem Unerkennbaren entdeckt war?« fragte

ich.

»Da fing der neue Zyklus an«, antwortete er. »Diese

Unterscheidung ist die Trennlinie zwischen dem Alten und

dem Neuen. Alles, was die neuen Seher vollbracht haben, geht

auf diese Unterscheidung zurück.«

Das Sehen, so sagte Don Juan, spielte beim Untergang der

alten Seher wie auch beim Aufbau der neuen Lehre eine

entscheidende Rolle. Durch das Sehen entdeckten die neuen

Seher gewisse, unleugbare Tatsachen, und diese Tatsachen

führten sie zu gewissen, für sie revolutionären

Schlußfolgerungen über das Wesen von Mensch und Welt.

Und diese Schlußfolgerungen, die den Anfang des neuen

Zyklus ermöglichten, waren die Wahrheiten über das

Bewußtsein, die Don Juan mir erklären wollte. Don Juan

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forderte mich auf, ihn ins Stadtzentrum zu begleiten, auf einen

Spaziergang rund um den großen Platz. Unterwegs

unterhielten wir uns über Maschinen und feinmechanische

Instrumente. Er behauptete, Maschinen seien Verlängerungen

unserer Sinne, und ich hielt dagegen, daß es Maschinen gebe,

die nicht in diese Definition hineinpaßten, weil sie Funktionen

erfüllten, die auszuführen wir aufgrund unserer

physiologischen Anlage nicht fähig seien.

»Unsere Sinne sind zu allem fähig«, behauptete er. »Und ich

sage dir, es gibt Instrumente, die Radiowellen aus dem

Weltraum auffangen können«, sagte ich. »Unsere Sinne

können keine Radiowellen auffangen.«

»Da bin ich anderer Ansicht«, sagte er. »Ich glaube, unsere

Sinne können alles aufnehmen, was uns umgibt.« »Und wie

steht’s mit den Ultraschallwellen?« fragte ich. »Wir haben

nicht die organische Ausstattung, um sie zu hören.« »Die

Seher sind der Überzeugung, daß wir erst einen winzigen Teil

von uns selbst erschlossen haben«, erwiderte er. Er versank

eine Weile in Nachdenken, als suche er zu entscheiden, was er

noch vorbringen könnte. Dann lächelte er. »Die erste Wahrheit

über das Bewußtsein lautet, wie gesagt«, fing er an, »daß die

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Welt dort draußen nicht wirklich das ist, wofür wir sie halten.

Wir halten sie für eine Welt der Gegenstände, und das ist sie

nicht.«

Er hielt inne, wie um die Wirkung seiner Worte

abzuschätzen. Ich sagte, ich könne seiner Prämisse zustimmen,

denn alles, was ist, sei auf Energie zurückführbar. Er meinte,

ich hätte wohl intuitiv eine Wahrheit erfaßt, aber diese zu

diskutieren, heiße noch nicht, sie zu verifizieren. Im übrigen

liege ihm nichts an meiner Zustimmung oder meinem

Widerspruch, sagte er. Ich solle lieber versuchen zu begreifen,

was diese Wahrheit bedeute. »Energiefelder kann man nicht

beobachten«, fuhr er fort. »Jedenfalls nicht als

Durchschnittsmensch. Könntest du sie sehen, dann wärst du

ein Seher, und in diesem Fall könntest du die Wahrheiten über

das Bewußtsein erklären. Verstehst du nicht, was ich meine?«

Und dann führte er aus, daß die Schlußfolgerungen, die wir

mit unserer Vernunft erzielen könnten, kaum Konsequenzen

für unser Leben hätten. Daher die unzähligen Beispiele von

Leuten, die glasklare Überzeugungen verträten, und ihnen

doch immer wieder zuwiderhandelten – einzig mit der

Begründung, daß Irren menschlich sei.

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»Die erste Wahrheit lautet, daß die Welt das ist, was sie zu

sein scheint, und es doch nicht ist«, fuhr er fort. »Sie ist nicht

so fest und so wirklich, wie unsere Wahrnehmung uns

glauben macht. Aber sie ist auch keine Fata Morgana. Die Welt

ist keine Illusion, wie man immer sagt; sie ist einerseits real

und andererseits irreal. Beachte dies gut, denn man muß es

verstehen, nicht nur einfach akzeptieren. Wir nehmen wahr.

Dies ist ein festes Faktum. Aber was wir wahrnehmen, ist kein

solches Faktum, denn wir lernen, was wir wahrnehmen sollen.

Stell dir vor – irgend etwas dort draußen macht sich unseren

Sinnen bemerkbar. Das ist der reale Teil der Wahrnehmung.

Der irreale Teil ist das, was unsere Sinne uns sagen, daß es

dort draußen sei. Nehmen wir an, es sei ein Berg. Unsere Sinne

sagen uns, es ist ein Gegenstand. Es hat Umfang, Farbe, Form.

Wir haben sogar den Begriff Berg, und er trifft auch

einigermaßen zu. Keine Einwände dagegen. Der Fehler ist der,

daß wir nie auf die Idee gekommen sind, unsere Sinne

könnten nur eine recht oberflächliche Rolle spielen. Unsere

Sinne nehmen wahr, wie sie es tun, weil die besondere

Beschaffenheit unseres Bewußtseins sie zwingt, so

wahrzunehmen.«

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Ich wollte ihm schon wieder zustimmen, aber nicht weil ich

derselben Meinung gewesen wäre – ich hatte gar nicht

verstanden, worauf er hinauswollte. Vielmehr wurde mir die

Sache unheimlich. Er gebot mir Schweigen.

»Wenn ich >Welt< sage«, fuhr er fort, »so meine ich damit

alles, was uns umgibt. Ich weiß natürlich ein besseres Wort,

aber es wäre dir völlig unverständlich. Die Seher sagen, nur

das Bewußtsein ist der Grund, warum wir annehmen, dort

draußen sei eine Welt von Gegenständen. In Wirklichkeit sind

dort draußen die Emanationen des Adlers – fließend, stets in

Bewegung, doch unwandelbar, ewig.«

Er unterbrach mich mit einer Handbewegung, als ich zu der

Frage ansetzte, was dies denn sei – die Emanationen des

Adlers? Und dann erklärte er mir eine der größten

Erkenntnisse der alten Seher, die sie uns als Vermächtnis

hinterlassen hätten: daß nämlich der Existenzgrund aller

empfindenden Wesen die Erweiterung des Bewußtseins sei.

Don Juan nannte es eine kolossale Entdeckung.

In scherzhaftem Ton fragte er mich, ob ich vielleicht eine

bessere Antwort wisse auf die alte Frage, die den Menschen

seit jeher verfolge – die Frage nach dem Grund unserer

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Existenz. Ich ging sofort in die Defensive und ließ mich über

die Sinnlosigkeit dieser Frage aus, weil sie doch logisch nicht

zu beantworten sei. Um dieses Thema zu diskutieren, so sagte

ich ihm, müßten wir uns über religiöse Glaubensvorstellungen

verständigen – und damit liefe wohl alles auf eine Frage des

Glaubens hinaus. »Die alten Seher hatten aber nicht nur

Glaubensfragen im Sinn«, sagte er. »Sie waren zwar nicht so

praktisch eingestellt wie die neuen Seher, aber sie waren doch

praktisch genug, um zu wissen, was sie sahen. Was ich mit

dieser Frage, die dich so aufgeschreckt hat, verdeutlichen

wollte, ist die Tatsache, daß unsere Vernunft allein uns keine

Antwort auf die Frage nach dem Grund unserer Existenz

geben kann. Immer wenn sie es versucht, läuft die Antwort

auf Glaubensfragen hinaus. Die alten Seher schlugen einen

anderen Weg ein, und sie fanden dabei eine Antwort, die mehr

war als bloßer Glaube.«

Unter unermeßlichen Risiken, so sagte er, sahen die alten

Seher nämlich die unbeschreibliche Kraft, die der Ursprung

aller empfindenden Wesen ist. Sie nannten sie den Adler, denn

mit dem flüchtigen Blick, den sie überhaupt nur ertragen

konnten, sahen sie etwas, das einem schwarz-weißen Adler

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von unendlicher Größe glich. Sie sahen, daß es der Adler ist,

der Bewußtsein verleiht. Der Adler schafft alle lebenden

Wesen, auf daß sie leben und ihr Bewußtsein bereichern, das

er ihnen zusammen mit dem Leben schenkt. Sie sahen auch,

daß es der Adler ist, der eben dieses bereicherte Bewußtsein

verschlingt, da er die Lebewesen zwingt, es im Augenblick

ihres Todes aufzugeben. »Für die alten Seher«, fuhr Don Juan

fort, »war die Feststellung, daß der Grund unserer Existenz die

Erweiterung des Bewußtseins ist, keine Frage des Glaubens

oder der Logik. Sie sahen es. Sie sahen, daß das Bewußtsein

der lebenden Wesen im Augenblick des Todes davonschwebt

und wie ein leuchtender Wattebausch direkt in den Schnabel

des Adlers fliegt, um verschlungen zu werden. Für die alten

Seher war es der Beweis dafür, daß die lebenden Wesen nur

leben, um dieses Bewußtsein zu bereichern, das die Nahrung

des Adlers ist.«

Don Juans Ausführungen wurden unterbrochen, weil er

eine kurze Geschäftsreise machen mußte. Nestor fuhr ihn nach

Oaxaca. Während ich den beiden nachwinkte, erinnerte ich

mich daran, daß ich am Anfang meiner Verbindung mit Don

Juan, immer wenn er von einer Geschäftsreise sprach, der

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Meinung gewesen war, er gebrauche eine euphemistische

Umschreibung für etwas anderes. Schließlich hatte ich

erkennen müssen, daß er genau dies meinte, was er sagte.

Immer wenn eine solche Reise bevorstand, legte er einen

seiner vielen – tadellos geschneiderten -dreiteiligen Anzüge an,

und dann glich er allem anderen als dem alten Indianer, den

ich kannte. Ich hatte stets über die weltliche Eleganz seiner

Metamorphose gestaunt.

»Ein Nagual ist jemand, der so flexibel ist, daß er alles

mögliche sein könnte«, sagte er. »Ein Nagual zu sein, bedeutet

unter anderem, daß man sich nicht auf einen Standpunkt

festlegt. Merke dir das – wir werden immer wieder darauf

zurückkommen.« Und wir waren immer wieder darauf

zurückgekommen, in jedem nur denkbaren Zusammenhang.

Tatsächlich schien es, als legte er sich auf nichts fest. Aber

während seiner Abwesenheit von Oaxaca kamen mir doch

gelinde Zweifel. Plötzlich ging mir auf, daß ein Nagual doch

etwas haben mag, worauf er sich festlegt: die Beschreibung

des Adlers und seiner Emanationen verlangte, meiner

Meinung nach, eine leidenschaftliche Festlegung. Diese Frage

versuchte ich einigen von Don Juans Gefährten vorzulegen,

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aber sie wichen meinen Sondierungen aus. Hinsichtlich

solcher Diskussionen, so sagten sie mir, sei ich in einer Art

Quarantäne, bis Don Juan seine Erklärung abgeschlossen

hätte. Kaum war er zurückgekehrt, setzten wir uns zum

Gespräch, und ich stellte ihm diese Frage.

»Diese Wahrheiten sind nichts, was man leidenschaftlich

verfechten müßte«, antwortete er. »Falls du glaubst, ich wollte

sie hier verfechten, so irrst du dich. Diese Wahrheiten wurden

formuliert zur Freude und Erleuchtung der Krieger, nicht um

sie mit irgendwelchen Besitzgefühlen zu umgeben. Als ich dir

sagte, daß ein Nagual sich nicht festzulegen braucht, meinte

ich unter anderem, daß ein Nagual keine fixen Ideen hat.«

Dann allerdings, sagte ich zu ihm, sei ich seinen Lehren

untreu geworden. Denn die Beschreibung des Adlers und

seiner Emanationen sei inzwischen bei mir eine fixe Idee. Ich

konnte mich nicht beruhigen über die Erhabenheit dieser

Vorstellung. »Es ist keine bloße Vorstellung«, sagte er. »Es ist

eine Tatsache. Und eine verdammt erschreckende Tatsache,

falls du meine Meinung hören willst. Die neuen Seher

schwelgten nicht einfach in Vorstellungen.«

»Aber was für eine Kraft ist denn der Adler?« fragte ich.

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»Ich weiß nicht, wie ich darauf antworten soll. Der Adler ist

für die Seher etwas so Reales, wie Schwerkraft und Zeit es für

dich sind – und genauso abstrakt und unvorstellbar.« »Warte

mal, Don Juan. Dies sind abstrakte Begriffe, aber sie beziehen

sich doch auf reale Phänomene, die verifiziert werden können.

Ganze Wissenschaften befassen sich mit nichts anderem.«

»Der Adler und seine Emanationen sind ebenso

verifizierbar«, entgegnete Don Juan. »Und genau damit befaßt

sich die Wissenschaft der neuen Seher.«

Ich bat ihn, mich aufzuklären, was denn die Emanationen

des Adlers wären.

Die Emanationen des Adlers, sagte er, seien ein

unwandelbares Ding an sich, das alles Existierende

einbegreife, das Erkennbare wie das Unerkennbare.

»Was die Emanationen des Adlers wirklich sind, kann man

nicht mit Worten beschreiben«, fuhr Don Juan fort. »Ein Seher

muß sie erleben.«

»Hast du selbst sie erlebt, Don Juan?«

»Gewiß habe ich das, und doch kann ich dir nicht sagen,

was sie sind. Sie sind eine Erscheinung, fast so etwas wie eine

feste Masse, ein Druck, der ein verwirrendes Gefühl erzeugt.

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Man kann sie nur flüchtig erspähen, wie man auch den Adler

selbst nur flüchtig erspähen kann.«

»Würdest du sagen, Don Juan, daß der Adler der Ursprung

der Emanationen ist?«

»Selbstverständlich ist der Adler der Ursprung seiner

Emanationen.«

»Ich meinte, ob er sichtbar der Ursprung ist.« »Nichts ist am

Adler sichtbar. Der ganze Körper eines Sehers spürt den

Adler. Es gibt etwas in uns allen, das uns befähigt, ihn mit

unserem ganzen Körper zu erleben. Die Seher haben eine

einfache Erklärung für das Sehen des Adlers: Weil der Mensch

aus den Emanationen des Adlers besteht, braucht der Mensch

nur auf seine eigenen Elemente zu achten. Das Problem

entsteht erst durch das Bewußtsein des Menschen; sein

Bewußtsein verstrickt und verwirrt sich. Im entscheidenden

Augenblick, wenn es einfach darum geht, daß die

Emanationen sich bemerkbar machen, fühlt sich das

Bewußtsein des Menschen gezwungen, diesen Vorgang zu

interpretieren. Das Ergebnis ist ein Bild des Adlers und der

Emanationen des Adlers. Aber es gibt keinen Adler und keine

Emanationen des Adlers. Was es dort draußen gibt, ist etwas,

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das kein Lebender begreifen kann.« Ich fragte ihn, ob man den

Ursprung der Emanationen deshalb als Adler bezeichnet habe,

weil dem Adler für gewöhnlich überlegene Eigenschaften

zugeschrieben werden. »Hier geht es einfach um die

ungefähre Gleichsetzung von etwas Unerkennbarem mit

etwas Bekanntem«, antwortete er. »Was dies betrifft, so

wurden schon viele Versuche gemacht, Adler mit

Eigenschaften zu schmücken, die sie nicht haben. Aber so

etwas geschieht meistens, wenn leicht beeinflußbare Leute

Dinge zu tun lernen, die große Nüchternheit erfordern. Seher

gibt es in allen Größen und Formen.«

»Willst du damit sagen, daß es verschiedene Arten von

Sehern gibt?«

»Nein. Ich will sagen, daß es massenhaft Dummköpfe gibt,

die Seher werden. Seher sind Menschen voller Schwächen,

oder vielmehr, Menschen, voller Schwächen können Seher

werden. Ähnlich wie im Falle von schwächlichen Leuten, die

große Wissenschaftler werden können.

Das gemeinsame Merkmal schwächlicher Seher ist, daß sie

leicht bereit sind, das Wunder dieser Welt zu vergessen. Sie

sind hingerissen von der Tatsache, daß sie sehen, und glauben,

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sie verdankten es ihrem Genie. Ein Seher müßte ein Muster an

Vollkommenheit sein, um die beinah unüberwindliche

Nachlässigkeit unserer menschlichen Kondition zu

überwinden. Wichtiger als das Sehen selbst ist das, was der

Seher anfängt mit dem, was er sieht.« »Was willst du damit

sagen, Don Juan?«

»Sieh nur, was gewisse Seher uns angetan haben. Da sitzen

wir und kleben an ihrer Vision eines Adlers, der uns regiert

und uns im Augenblick unseres Todes verschlingt.« An dieser

Vorstellung, sagte er, sei etwas eindeutig Nachlässiges. Er

persönlich könne keinen Gefallen finden an der Vorstellung,

daß irgend etwas uns am Ende verschlinge. Wenn es nach ihm

ginge, meinte er, sollte man zutreffender sagen, daß da eine

Kraft sei, die unser Bewußtsein anzieht, ähnlich wie ein

Magnet Eisenspäne anzieht. Im Augenblick des Sterbens löse

unser Sein sich dann auf in der Anziehung dieser unendlichen

Kraft. Daß dieser Vorgang als ein uns verschlingender Adler

interpretiert werden konnte, fand er grotesk, denn es mache

aus diesem unbeschreiblichen Akt etwas so Alltägliches wie

das Gefressenwerden.

»Ich bin ein sehr durchschnittlicher Mensch«, sagte ich. »Die

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Vorstellung eines Adlers, der uns verschlingt, macht einen

starken Eindruck auf mich.«

»Den wirklichen Eindruck kannst du erst in dem

Augenblick ermessen, da du es selber siehst«, sagte er. »Aber

du darfst nicht vergessen, daß wir unsere Schwächen behalten,

auch nachdem wir Seher geworden sind. Wenn du also diese

Kraft siehst, könntest du ohne weiteres den nachlässigen

Sehern beipflichten, die sie als den Adler bezeichneten – wie

ich selbst es getan habe. Vielleicht wirst du es aber auch nicht

tun. Vielleicht wirst du der Versuchung widerstehen, dem

Unvorstellbaren menschliche Eigenschaften zuzuschreiben,

und tatsächlich einen neuen Namen dafür erfinden, einen

zutreffenderen.« »Seher, die die Emanationen des Adlers

sehen, bezeichnen sie oft als Befehle«, sagte Don Juan. »Ich

selbst wäre einverstanden, sie Befehle zu nennen, hätte ich

mich nicht daran gewöhnt, sie als Emanationen zu bezeichnen.

Das war bei mir eine Reaktion gegen die Vorliebe meines

Wohltäters; für ihn waren es Befehle. Dieses Wort, fand ich,

entsprach eher seiner dominierenden Persönlichkeit als der

meinen. Ich wollte lieber etwas Unpersönliches. Befehle, das

klingt mir zu menschlich, aber das sind sie eigentlich –

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Befehle.«

Die Emanationen des Adlers zu sehen, so meinte Don Juan,

bedeute im Grunde, die Katastrophe heraufbeschwören. Die

neuen Seher hätten gar bald die damit verbundenen,

ungeheuren Schwierigkeiten entdeckt, und erst nach großer

Bedrängnis und vielen Versuchen, das Unbekannte zu

kartographieren und es von dem Unerkennbaren zu scheiden,

hätten sie erkannt, daß alles, was ist, aus den Emanationen des

Adlers besteht. Ein kleiner Teil dieser Emanantionen sei dem

menschlichen Bewußtsein zugänglich, und auch dieser kleine

Teil werde durch die Zwänge unseres Alltagslebens auf einen

winzigen Bruchteil weiterverringert. Dieser winzige Bruchteil

der Emanationen des Adlers sei das Bekannte; der kleine Teil,

der überhaupt dem menschlichen Bewußtsein zugänglich sei,

sei das Unbekannte, und der unermeßliche Rest sei das

Unerkennbare.

Und weiter erzählte er, daß die neuen Seher, in ihrer

praktischen Gesinnung, alsbald der unwiderstehlichen Macht

der Emanationen gewahrten. Sie erkannten, daß alle

Lebewesen mit den Emanationen des Adlers arbeiten müssen,

ohne zu wissen, was sie eigentlich sind. Sie erkannten auch,

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daß die Organismen darauf eingerichtet sind, ein bestimmtes

Spektrum dieser Emanationen zu erfassen und daß jeder

Spezies ein bestimmtes Spektrum von Emanationen zukommt.

Die Emanationen üben einen starken Druck auf die

Organismen aus, und mittels dieses Drucks bauen die

Organismen ihre wahrnehmbare Welt auf.

»Wir als Menschen«, sagte Don Juan, »arbeiten mit diesen

Emanationen und interpretieren sie als Realität. Doch was der

Mensch empfindet, ist ein so kleiner Teil der Emanationen des

Adlers, daß es lächerlich wäre, sich groß auf unsere

Wahrnehmungen zu verlassen, und doch ist es uns nicht

möglich, unsere Wahrnehmungen zu ignorieren. Dies mußten

die neuen Seher auf die harte Art lernen – und unter dem

Risiko unabsehbarer Gefahren.«

Don Juan saß an seinem gewohnten Platz in dem großen

Zimmer. Normalerweise gab es keine Möbel in diesem Raum.

Die Leute saßen auf Matten am Boden. Aber Carol, die

Nagual-Frau, hatte es dennoch fertiggebracht, ihn mit sehr

bequemen Sesseln auszustatten – für die Zusammenkünfte, bei

denen wir beide abwechselnd Don Juan aus den Werken

spanisch schreibender Dichter vorlasen.

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»Gib genau acht auf das, was wir tun«, sagte er, kaum daß

ich Platz genommen hatte. »Wir sprechen über die

Beherrschung des Bewußtseins. Und die Wahrheiten, über die

wir sprechen, sind die Prinzipien, die zu dieser Kenntnis

führen.« Bei seinen Lehren für die rechte Seite, fuhr er fort,

habe er versucht, diese Prinzipien meinem Normal-

Bewußtsein zu demonstrieren, und zwar mit Hilfe Genaros,

eines seiner Seher-Gefährten. Und Genaro habe mit meinem

Bewußtsein gespielt – mit allem Humor und aller

Respektlosigkeit, für die die neuen Seher bekannt seien.

»Genaro sollte hier sitzen und dir vom Adler erzählen«,

sagte er. »Nur, daß seine Darstellung allzu respektlos wäre. Er

findet, die Seher, die jene Kraft als den Adler bezeichneten,

waren wohl ziemlich dumm, oder große Spaßmacher, weil

Adler ja nicht nur Eier legen, sondern auch Schmutz machen.«

Don Juan lachte und meinte, er fände Genaros Bemerkung

tatsächlich treffend und zum Lachen. Wäre den neuen Sehern

die Aufgabe zugefallen, den Adler zu beschreiben, die ganze

Beschreibung wäre wahrscheinlich ziemlich spaßig

ausgefallen. Ich erzählte Don Juan, daß ich den Adler

einerseits als poetisches Bild auffaßte, und als solches gefalle

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er mir. Andererseits aber faßte ich die Beschreibung wörtlich

auf, und das machte mir angst.

»Die Angst ist eine der stärksten Kräfte im Leben des

Kriegers«, sagte er. »Sie spornt an zu lernen.«

Er erinnerte mich daran, daß die Beschreibung des Adlers

immerhin von den alten Sehern stamme. Die neuen Seher

hätten nichts mehr im Sinn mit all solchen Beschreibungen,

Gleichnissen und Vermutungen. Sie wollten unmittelbar zum

Ursprung der Dinge vorstoßen und nähmen grenzenlose

Gefahren auf sich, um dorthin zu gelangen. Wohl sähen sie die

Emanationen des Adlers, aber auf die Beschreibung des Adlers

wollten sie sich nicht einlassen. Sie fänden, es koste schon

zuviel Energie, den Adler zu sehen, und immerhin hätten die

alten Seher für ihr flüchtiges Erschauen des Unerkennbaren

einen hohen Preis zahlen müssen.

»Wieso verfielen die alten Seher auf solch eine Idee wie die

Beschreibung des Adlers?« fragte ich.

»Zum Zweck der Unterweisung brauchten sie wenigstens

einige Richtlinien, was das Unerkennbare betraf«, erwiderte

er. »Sie fanden sie in einer skizzenhaften Beschreibung jener

Kraft, die alles Seiende regiert. Die Emanationen aber ließen

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sie aus, denn die Emanationen lassen sich nicht in einer

gleichnishaften Sprache schildern. Einzelne Seher fühlen sich

vielleicht gedrängt, ihre Kommentare zu gewissen

Emanationen abzugeben, aber dies wird immer eine private

Überzeugung bleiben. Mit anderen Worten, es gibt keine

entsprechende Darstellung der Emanationen, wie es sie für

den Adler gibt.«

»Die neuen Seher dachten offenbar sehr abstrakt«, warf ich

ein. »Sie hören sich an wie moderne Philosophen.« »Nein. Die

neuen Seher waren ungemein praktisch denkende Leute«,

erwiderte er. »Sie befaßten sich nicht mit dem Ausspinnen

rationaler Theorien.

Die abstrakten Denker – das waren die alten Seher. Sie

errichteten gewaltige Gebäude der Abstraktion, wie sie ihnen

und ihrer Zeit entsprachen. Und genau wie die heutigen

Philosophen, hatten sie keine Macht über ihre eigenen

Gedankengebäude. Die neuen Seher dagegen, von

praktischem Geist durchdrungen, vermochten den Fluß der

Emanationen zu sehen, und sie sahen auch, wie der Mensch

und die anderen Lebewesen diese Emanationen nutzen, um

daraus ihre jeweilige wahrnehmbare Welt aufzubauen.«

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»Wie nutzt der Mensch die Emanationen, Don Juan?« »Es ist

so einfach, daß es idiotisch klingt. Für einen Seher sind die

Menschen leuchtende Wesen. Unsere Leuchtkraft besteht aus

jenem Teil der Emanationen des Adlers, der in unseren

eiförmigen Kokon eingeschlossen ist. Dieser kleine Teil, diese

Handvoll eingeschlossener Emanationen ist das, was uns zu

Menschen macht.

Wahrnehmen heißt, die im Innern des Kokons enthaltenen

Emanationen in Übereinstimmung zu bringen mit jenen

außerhalb.

Die Seher können zum Beispiel die Emanationen im Innern

des Kokon sehen und erkennen, welche der äußeren

Emanationen mit ihnen übereinstimmen.«

»Sind die Emanationen so etwas wie Lichtstrahlen?« fragte

ich.

»Nein. Gar nicht. Das wäre zu einfach. Sie sind etwas

Unbeschreibliches. Und doch würde ich sagen, sie sind so

etwas wie Lichtfäden. Was dem Normal-Bewußtsein

unbegreiflich ist, ist die Tatsache, daß diese Fäden bewußt

sind. Ich kann dir nicht sagen, was dies bedeutet, weil ich das,

wovon ich rede, nicht mit Sicherheit weiß. Mit meiner

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persönlichen Auffassung kann ich dir nur drei Dinge sagen:

Die Fäden sind ihrer selbst bewußt, lebendig und vibrierend.

Es sind so viele, daß Zahlenangaben sinnlos wären. Und jeder

einzelne ist für sich selbst eine Ewigkeit.«