Don Juan, Don Genaro und ich waren aus den umliegenden
Bergen zurückgekehrt, wo wir Pflanzen gesammelt hatten.
Wir waren in Don Genaros Haus und saßen um den Tisch, als
Don Juan mich in eine andere Ebene der Bewußtheit
überwechseln ließ. Don Genaro hatte mich angestarrt und fing
nun an zu kichern. Er meinte, wie seltsam er es doch fände,
daß ich zwei völlig verschiedene Verhaltensmuster gegenüber
den beiden Seiten des Bewußtseins zeigte. Meine Beziehung
zu ihm sei das offenkundigste Beispiel dafür. Befand ich mich
auf der rechten Seite, dann war er der respektierte und
gefürchtete Zauberer Don Genaro, ein Mann, dessen
unbegreifliche Taten mich begeisterten und gleichzeitig mit
Todesangst erfüllten. Auf der linken Seite war er einfach
Genaro, oder Genarito, ohne würdigen >Don< vor seinem
Namen, ein bezaubernder, freundlicher Seher, dessen Taten
ganz verständlich waren – und auch vereinbar mit dem, was
ich tat oder zu tun versuchte.
Ich konnte ihm nur beipflichten. Auf meiner linken Seite,
fügte ich hinzu, gebe es allerdings einen Mann, dessen bloße
Gegenwart mich wie ein Blatt im Winde zittern ließ, nämlich
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Silvio Manuel, den geheimnisvollsten unter Don Juans
Gefährten. Don Juan selbst, als wahrer Nagual, stünde für
mich über solchen willkürlichen Verhaltensnormen, geachtet
und bewundert in beiden Bewußtheitszuständen.
»Aber auch gefürchtet?« fragte Genaro mit bebender
Stimme.
»Sehr gefürchtet«, warf Don Juan mit Falsettstimme ein. Wir
lachten, aber Don Juan und Genaro lachten so
überschwenglich, daß ich sofort argwöhnte, sie wüßten etwas,
das sie mir vorenthielten.
Don Juan las meine Gedanken wie ein offenes Buch. Er
erklärte mir, daß man in dem Zwischenstadium, bevor man
ganz in die linke Seite des Bewußtseins eintrete, ungeheurer
Konzentration fähig sei, aber auch anfällig für alle nur
denkbaren äußeren Einflüsse. Ich selbst sei nun vom
Mißtrauen beeinflußt. »La Gorda ist dauernd in diesem
Zustand«, sagte er. »Sie lernt hervorragend, aber sie ist ein
gewaltiger Quälgeist. Sie kann nicht anders, sie überläßt sich
allem, was über sie kommt, einschließlich sehr guter Dinge
natürlich, wie etwa scharfer Konzentration.«
Die neuen Seher, erklärte Don Juan, hätten nämlich
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herausgefunden, daß diese Übergangsphase der beste
Zeitpunkt sei für ein gründliches Lernen. Es sei aber auch die
Zeit, da der Krieger überwacht werden müsse und ihm
Erklärungen gegeben werden sollten, damit er diese richtig
einschätzen könne. Würden ihm keine Erklärungen gegeben,
bevor er auf die linke Seite hinübergewechselt sei, dann könne
er zwar ein großer Zauberer werden, aber ein armseliger Seher
– wie die alten Tolteken es waren. Besonders die Kriegerinnen
verfallen dem Zauber der linken Seite, sagte er. Sie seien so
gewandt, daß sie mühelos in die Bewußtheit der linken Seite
eintreten könnten – oft früher, als gut für sie wäre.
Nach längerem Schweigen schlief Genaro ein. Don Juan fing
an zu sprechen. Er sagte, daß die neuen Seher eine Reihe von
Begriffen erfinden mußten, um die zweite Wahrheit über das
Bewußtsein zu erklären. Sein Wohltäter hatte einige dieser
Begriffe nach seinem eigenen Gutdünken abgewandelt, und
auch er selbst habe dies getan, sagte er, getreu der
Überzeugung der Seher, daß es gleichgültig sei, welche
Begriffe man verwende, solange die Wahrheiten nur durch das
Sehen verifiziert würden. Ich war neugierig zu erfahren,
welche Begriffe er verändert habe, aber ich konnte meine
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Frage nicht recht in Worte fassen. Er verstand mich in dem
Sinne, als bezweifle ich sein Recht oder seine Fähigkeit, sie zu
verändern. Und er erklärte, daß die Begriffe, die wir prägen,
sofern sie in unserer Vernunft begründet seien, lediglich den
Allerweltskonsensus des Alltagslebens ausdrücken könnten.
Wenn Seher dagegen einen Begriff prägten, sei dieser niemals
nur eine Redensart, denn er rühre vom Sehen her und begreife
alles ein, was Seher überhaupt erreichen könnten. Ich fragte
ihn, warum er jene Begriffe verändert hätte. »Es ist die Pflicht
eines Nagual, immer nach besseren Möglichkeiten der
Erklärung zu suchen«, antwortete er. »Die Zeit verändert alles,
und jeder neue Nagual muß zur Beschreibung seines Sehens
neue Wörter, neue Ideen übernehmen.«
»Du willst damit sagen, daß ein Nagual Ideen aus der Welt
des Alltagslebens übernimmt?« fragte ich.
»Nein. Ich will sagen, daß ein Nagual auf immer neue Weise
über das Sehen spricht«, sagte er. »Du zum Beispiel, als der
neue Nagual, müßtest sagen, daß das Bewußtsein die
Wahrnehmung entstehen läßt. Du würdest dasselbe sagen wie
mein Wohltäter, aber dennoch auf andere Weise.«
»Was, meinen die neuen Seher, ist denn die Wahrnehmung,
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Don Juan?«
»Sie sagen, daß Wahrnehmung so etwas wie
Ausgerichtetsein ist; die Emanationen im Innern des Kokon
richten sich aus an den Emanationen außerhalb, die zu ihnen
passen. Die Ausrichtung ermöglicht es allen Lebewesen,
Bewußtsein zu entwickeln. Dies behaupten die Seher, weil sie
die Lebewesen als das sehen, was sie wirklich sind: als
leuchtende Wesen, die aussehen wie Blasen weißlichen
Lichts.«
Ich fragte ihn, auf welche Weise die Emanationen im Innern
des Kokon mit jenen außerhalb zusammenpassen müßten, um
Wahrnehmung zu ermöglichen.
»Die Emanationen im Innern und die Emanationen
außerhalb«, sagte er, »sind stets dieselben Lichtfasern. Die
lebenden Wesen sind winzige Blasen, bestehend aus diesen
Fasern, mikroskopische Lichtpunkte, die den Emanationen
anhaften.« Und weiter erklärte er, daß die Leuchtkraft der
Lebewesen durch jenen Teil der Emanationen des Adlers
entsteht, den sie zufällig in ihrem leuchtenden Kokon tragen.
Wenn Seher die Wahrnehmung sehen, so erleben sie, daß das
Leuchten der Emanationen des Adlers, die sich außerhalb des
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Kokon dieser Geschöpfe befinden, das Leuchten der
Emanationen im Innern des Kokon um so heller erstrahlen
läßt. Das äußere Leuchten zieht das innere Leuchten an; es
fängt es sozusagen ein und fixiert es. Diese Fixierung ist die
Bewußtheit eines jeden Lebewesens.
Die Seher könnten auch sehen, sagte er, wie die
Emanationen außerhalb des Kokon einen gewissen Druck auf
jenen Teil der Emanationen ausübten, der sich im Innern
befinde. Dieser Druck bestimme den Grad der Bewußtheit,
den jedes Lebewesen habe.
Ich bat ihn, mir zu erklären, auf welche Weise die
Emanationen außerhalb des Kokon einen Druck auf jene im
Innern ausüben.
»Die Emanationen des Adlers sind mehr als nur
Lichtfasern«, antwortete er. »Jede einzelne ist eine Quelle
grenzenloser Energie. Du kannst es dir so vorstellen: da
manche der Emanationen außerhalb des Kokon die gleichen
sind wie jene im Innern, wirken ihre Energien wie ein
anhaltender Druck. Aber der Kokon isoliert die Emanationen
im Innern seines Geflechts und steuert auf diese Weise den
Druck.
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Ich sagte dir schon, daß die alten Seher wahre Meister im
Umgang mit dem Bewußtsein waren«, fuhr er fort. »Jetzt kann
ich hinzufügen, daß sie deshalb Meister dieser Kunst waren,
weil sie gelernt hatten, die Struktur des menschlichen Kokon
zu manipulieren. Sie hatten, wie ich dir sagte, das Geheimnis
des Bewußtseins enträtselt. Damit will ich sagen: sie sahen
und erkannten, daß im Bewußtsein ein Glutschimmer im
Kokon der Lebewesen steckt. Mit Recht nannten sie ihn die
Glut des Bewußtseins.« Die alten Seher, erklärte er, sahen, daß
das Bewußtsein des Menschen ein bernsteinheller
Glutschimmer sei, viel intensiver leuchtend als der übrige
Kokon. Diese Glut finde sich auf einem schmalen, senkrechten
Band an der rechten Außenseite des Kokon und ziehe sich
über seine ganze Länge hin. Es sei die Kunst der alten Seher
gewesen, diese Glut zu verschieben, sie von ihrer
ursprünglichen Stelle an der Oberfläche des Kokon über die
ganze Breite nach innen wandern zu lassen. Er unterbrach sich
und sah Genaro an, der noch immer schlief. »Genaro pfeift auf
all diese Erklärungen«, sagte er. »Er ist ein Mann der Tat. Mein
Wohltäter stellte ihn dauernd vor unlösbare Probleme. Darum
trat er unmittelbar in die linke Seite des Bewußtseins ein und
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hatte niemals Gelegenheit, viel zu fragen oder zu klagen.«
»Ist es nicht besser so, Don Juan?«
»Kommt darauf an. Für ihn ist es das Richtige. Für dich und
für mich wäre es nicht befriedigend, weil wir, auf die eine oder
andere Weise, zum Erklären berufen sind. Genaro oder mein
Wohltäter gleichen eher den alten als den neuen Sehern: mit
Hilfe der Glut des Bewußtseins können sie Kontrolle üben und
tun, was immer ihnen beliebt.«
Er erhob sich von der Matte, auf der wir saßen, und streckte
seine Arme und Beine. Ich drängte ihn, weiterzusprechen. Er
lächelte und meinte, ich brauchte eine Pause, denn meine
Konzentration habe nachgelassen.
Es klopfte an der Tür. Ich erwachte. Es war dunkel. Einen
Augenblick lang konnte ich mich nicht erinnern, wo ich war.
Etwas in mir war weit entfernt, als ob ein Teil von mir noch
immer schliefe, und doch war ich hellwach. Durchs offene
Fenster fiel genügend Mondlicht ein, daß ich sehen konnte. Ich
sah, wie Don Genaro aufstand und zur Tür ging. Mir wurde
klar, daß ich mich in seinem Haus befand. Don Juan lag in
tiefem Schlaf auf einer Matte am Boden. Ich hatte die
bestimmte Ahnung, daß wir drei eingeschlafen waren,
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nachdem wir von einem Ausflug in die Berge zurückgekehrt
waren. Don Genaro zündete seine Petroleumlampe an. Ich
folgte ihm hinaus in die Küche. Irgend jemand hatte ihm einen
Topf warmen Eintopf und einen Stapel Tortillas gebracht.
»Wer hat dir Essen gebracht?« fragte ich. »Hast du hier eine
Frau, die für dich kocht?«
Don Juan war mittlerweile in die Küche gekommen. Die
beiden blickten mich an und lächelten. Aus irgendeinem
Grund ängstigte mich ihr Lächeln. Ich wollte schon losschreien
vor Angst, als Don Juan mich auf den Rücken schlug und mich
in den Zustand gesteigerter Bewußtheit überwechseln ließ. Da
erkannte ich, daß ich, vielleicht im Schlaf oder beim
Aufwachen, in mein normales Alltagsbewußtsein
zurückgeglitten war.
Das Gefühl, das ich nun – wieder im Zustand gesteigerter
Bewußtheit – empfand, war eine Mischung aus Erleichterung
und Ärger und schmerzender Traurigkeit. Ich war erleichtert,
daß ich wieder ich selbst war, denn mittlerweile betrachtete
ich diese unbegreiflichen Zustände als mein wahres Selbst.
Dafür gab es einen einfachen Grund: in diesen Zuständen
fühlte ich mich vollkommen; mir fehlte nichts. Ärger und
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Traurigkeit waren eine Reaktion auf meine Ohnmacht. Mehr
denn je war ich mir der Begrenztheit meiner Existenz bewußt.
Ich bat Don Juan, mir zu erklären, wie es möglich sei, daß
ich solche Empfindungen hatte. Im Zustand gesteigerter
Bewußtheit konnte ich zurückblicken und mich an alles
erinnern, was mit mir zu tun hatte; ich konnte mir
Rechenschaft ablegen über alles, was ich in dem einen oder
dem anderen Zustand getan hatte. Ich erinnerte mich sogar an
meine Unfähigkeit, mich zu erinnern. Kaum war ich aber auf
meine normale, alltägliche Bewußtseinsebene zurückgekehrt,
konnte ich mich an nichts mehr erinnern, was ich im Zustand
gesteigerter Bewußtheit getan hatte, und koste es mein Leben.
»Hör auf, hör nur auf«, sagte er. »Bis jetzt hast du dich an
gar nichts erinnert. Gesteigerte Bewußtheit ist nur eine
Zwischenphase. Dahinter liegt noch unendlich mehr, und du
bist viele, viele Male dort gewesen. Jetzt aber kannst du dich
nicht daran erinnern, und wenn dein Leben davon abhinge.«
Er hatte recht. Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Ich
bat ihn um eine Erklärung.
»Die Erklärung kommt noch«, sagte er. »Sie braucht längere
Zeit, aber wir kommen noch zu ihr. Sie braucht lange, weil ich
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dir ähnlich bin: ich möchte verstehen. Ich bin das Gegenteil
meines Wohltäters, der nichts von Erklärungen hielt. Für ihn
gab es nur die Tat. Er stellte uns einfach vor unglaubliche
Probleme und überließ es uns selbst, sie zu lösen. Einige
fanden niemals eine Lösung, und wir landeten ungefähr im
gleichen Boot wie die alten Seher: nur Taten, und kein
wirkliches Wissen.« »Sind diese Erinnerungen irgendwo in
meinem Geist eingeschlossen?« fragte ich.
»Nein. So einfach ist die Sache nicht«, antwortete er. »Die
Taten der Seher sind etwas Komplizierteres als die bloße
Aufteilung des Menschen in Körper und Geist. Du hast
vergessen, was du getan oder erlebt hast, denn als du
ausführtest, was du nun vergessen hast, hast du gesehen.«
Ich bat Don Juan, mir noch einmal zu verdeutlichen, was er
eben gesagt hatte.
Geduldig erklärte er mir, daß sich alles, was ich vergessen
hätte, in solchen Zuständen abgespielt habe, in denen mein
alltägliches Bewußtsein erweitert und intensiviert war – ein
Zustand, der bedeutete, daß dabei andere Regionen meines
Gesamt-Selbst genutzt wurden.
»Was du vergessen hast, ist in diesen Regionen deines
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Gesamt-Selbst eingeschlossen«, sagte er. »Diese anderen
Regionen nutzen – das heißt sehen.«
»Ich bin verwirrter denn je, Don Juan«, sagte ich. »Ich kann
dir keinen Vorwurf machen«, sagte er. »Sehen heißt, den Kern
aller Dinge freilegen, es heißt, das Unbekannte erleben und
einen flüchtigen Blick in das Unerkennbare tun. Insofern
bringt es uns keinen Trost. Die Seher überstehen es meistens
nicht, wenn sie herausfinden, daß unsere Existenz
unvorstellbar komplex ist und daß unser Normal-Bewußtsein,
mit seinen Beschränkungen, diesen Zustand noch
verschlimmert.« Er wiederholte mir noch einmal, daß ich eine
absolute Konzentration erreichen müsse, daß es dabei
entscheidend auf das Verstehen ankomme, und daß die neuen
Seher den höchsten Wert auf klare, gefühlsfreie Einsichten
gelegt hätten. »Damals, als du die Sache mit la Gorda und mit
deinem Eigendünkel zu verstehen glaubtest, hast du in
Wirklichkeit gar nichts verstanden. Du hattest einen
Gefühlsausbruch, das war alles. Das behaupte ich, weil du
schon am nächsten Tag wieder auf dem hohen Roß deines
Eigendünkels gesessen bist, als hättest du nie etwas
eingesehen.
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Genauso ging es den alten Sehern. Sie neigten zu
Gefühlsreaktionen. Als es aber darum ging, zu verstehen, was
sie gesehen hatten, da konnten sie es nicht. Um zu verstehen,
braucht man nüchternen Ernst, keine Gefühle. Hüte dich vor
denen, die über ihre Einsichten Tränen vergießen, denn sie
haben nichts erkannt. Der Pfad des Wissens enthält ungeahnte
Gefahren für jene, die ihn nicht in Nüchternheit und mit
Verständnis beschreiten«, fuhr er fort. »Ich versuche dir das
System zu skizzieren, zu dem die alten Seher die Wahrheiten
über das Bewußtsein anordneten. Es soll dir als Landkarte
dienen – als eine Landkarte, die du durch dein Sehen
überprüfen mußt, nicht aber mit deinen Augen.« Nun
entstand eine lange Pause. Er starrte mich an. Offensichtlich
erwartete er eine Frage von mir.
»Jeder fällt auf den Irrtum herein, daß das Sehen mit den
Augen geschähe«, fuhr er fort. »Aber wundere dich nicht,
wenn du nach all den Jahren noch nicht erkannt hast, daß
Sehen keine Sache der Augen ist. Es ist ganz normal, auf
diesen Irrtum hereinzufallen.«
»Aber was ist Sehen?« fragte ich.
Sehen, erwiderte er, sei eine Ausrichtung. Ich erinnerte ihn
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daran, daß er vorhin gesagt hatte, die Wahrnehmung sei eine
Ausrichtung. Dazu erläuterte er, daß die Ausrichtung der
üblicherweise benutzten Emanationen wohl die
Wahrnehmung der alltäglichen Welt sei; das Sehen aber sei die
Ausrichtung der niemals genutzten Emanationen. Wenn solch
eine Ausrichtung stattfindet, dann sieht man. Solches Sehen,
entstanden durch die Ausrichtung des nicht Üblichen, betrifft
also niemals etwas, das man lediglich anschauen könnte. Trotz
der Tatsache, daß ich unzählige Male gesehen hatte, so sagte
er, sei es mir nie eingefallen, meine Augen aus dem Spiel zu
lassen. Ich hätte einfach den üblichen Sprachgebrauch
übernommen, wie Sehen nun einmal bezeichnet und
beschrieben werde.
»Wenn Seher sehen, dann ist dabei etwas beteiligt, das alles
erklärt, während die Neu-Ausrichtung stattfindet«, fuhr er
fort. »Es ist eine Stimme, die ihnen zuflüstert, worum es geht.
Wenn diese Stimme nicht da ist, dann ist das, was der Seher
tut, kein Sehen.«
Nach kurzer Pause fuhr er fort und erläuterte mir die
Stimme des Sehens. Es sei ebenso falsch, sagte er, das Sehen
als Hören zu bezeichnen, denn es ginge um unendlich mehr
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als dies. Aber die Seher hätten sich nun einmal dafür
entschieden, den Klang als Zeichen der Neu-Ausrichtung
anzunehmen. Die Stimme des Sehens bezeichnete Don Juan als
etwas höchst Geheimnisvolles und Unerklärliches.
»Meine persönliche Meinung ist, daß die Stimme des Sehens
nur dem Menschen zukommt«, sagte er. »Dies geschieht
vielleicht, weil Sprechen etwas ist, das nur der Mensch tut. Die
alten Seher glaubten, es sei die Stimme einer übermächtigen,
eng mit der Menschheit verbundenen Wesenheit, eines
Beschützers der Menschen. Die neuen Seher entdeckten, daß
diese Wesenheit, die sie die Form des Menschen nannten, gar
keine Stimme hat. Die Stimme des Sehens ist etwas völlig
Unbegreifliches für die neuen Seher; sie sagen, es sei die Glut
des Bewußtseins, die auf den Emanationen des Adlers spielt
wie ein Harfner auf seiner Harfe.«
Er war nicht bereit, dies weiter auszuführen, und meinte, es
werde mir später, wenn er seine Erklärung fortsetzte, alles klar
werden.
Solange Don Juan sprach, war ich so vollkommen
konzentriert gewesen, daß ich mich tatsächlich nicht entsinnen
konnte, mich zum Essen an den Tisch gesetzt zu haben. Als
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Don Juan nun innehielt, bemerkte ich, daß sein Teller Eintopf
beinah leergegessen war.
Genaro sah mich mit strahlendem Lächeln an. Vor mir auf
dem Tisch stand ein Teller, und er war ebenfalls leer. Da war
nur noch ein winziges Restchen Eintopf übrig, als hätte ich
eben erst meine Mahlzeit beendet. Ich erinnerte mich gar nicht
daran, gegessen zu haben, aber ich erinnerte mich auch nicht,
daß ich an den Tisch gegangen wäre oder mich hingesetzt
hätte. »Wie hat der Eintopf geschmeckt?« fragte mich Genaro
und schaute weg.
»Gut«, sagte ich, denn ich wollte nicht eingestehen, daß es
mir schwer fiel, mich zu erinnern.
»Für meinen Geschmack war zuviel Chili drin«, sagte
Genaro. »Und du ißt doch keine scharf gewürzten Sachen.
Darum hab ich mir Sorgen gemacht, ob es dir auch bekommen
würde. Du hättest nicht zweimal nachlangen sollen. Mir
scheint, du bist ziemlich verfressen, wenn du in gesteigerter
Bewußtheit bist, nicht wahr?«
Ich gestand zu, daß er vielleicht recht hatte. Er reichte mir
einen großen Wasserkrug, mit dem ich meinen Durst löschen
und meinen brennenden Gaumen lindern sollte. Als ich ihn bis
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zur Neige austrank, brachen die beiden in schallendes
Gelächter aus. Auf einmal erkannte ich, was hier vorging. Es
war wie eine körperliche Erkenntnis. Es war ein gelblicher
Lichtblitz, der mich traf, als sei ein Zündholz zwischen meinen
Augen angerissen worden. Jetzt wußte ich, daß Genaro Spaß
machte. Ich hatte überhaupt nicht gegessen. Ich war so vertieft
in Don Juans Erklärung gewesen, daß ich alles andere
vergessen hatte. Der Teller, der vor mir stand, war Genaros
Teller.
Nach dem Essen fuhr Don Juan fort, mir die Glut der
Bewußtheit zu erklären. Genaro saß neben mir und lauschte,
als hätte er die Erklärung noch nie gehört.
Die Emanationen außerhalb des Kokon, so sagte Don Juan,
die auch als allgemeine Emanationen bezeichnet würden,
übten einen Druck auf die Emanationen im Innern des Kokon
aus, und dieser Druck sei bei allen Lebewesen gleich stark.
Doch die Folgen seien bei ihnen allen ganz verschieden, weil
ihr Kokon auf jede erdenkliche Weise auf diesen Druck
reagieren könne. Und dennoch gebe es, innerhalb gewisser
Grenzen, Gradabstufungen der Uniformität.
»Wenn der Seher also sieht«, fuhr er fort, »daß der Druck
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der allgemeinen Emanationen auf die stets in Bewegung
befindlichen Emanationen im Innern einwirkt und deren
Bewegung zum Stillstand bringt, dann weiß er, daß das
leuchtende Wesen in diesem Moment durch Bewußtheit fixiert
ist.
Wenn man nun sagt, daß die allgemeinen Emanationen auf
jene im Innern des Kokon einwirken und ihre Bewegung zum
Stillstand bringen, so heißt dies, daß die Seher etwas
Unbeschreibliches sehen, dessen Bedeutung sie aber ohne
Zweifel kennen. Es bedeutet, daß die Stimme des Sehens ihnen
gesagt hat, daß die Emanationen im Innern des Kokon völlig
in Ruhe sind und mit jenen außerhalb übereinstimmen.«
Die Seher, so sagte er, behaupteten natürlich, daß das
Bewußtsein immer von außerhalb komme und daß das wahre
Geheimnis gar nicht in uns liege. Da die Emanationen
insgesamt von Natur aus dazu bestimmt seien, zu fixieren,
was sich im Innern des Kokon befindet, bestehe der Trick der
Bewußtheit nun darin, die fixierenden Emanationen
verschmelzen zu lassen mit dem, was in uns ist. Die Seher
behaupteten nun, daß wir, wenn wir dies geschehen ließen, zu
dem würden, was wir in Wirklichkeit sind -fließend, immer in
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Bewegung, ewig.
Es entstand eine lange Pause. Don Juans Augen zeigten
einen starken Glanz. Sie blickten mich an wie aus großer Tiefe.
Ich hatte den Eindruck, als sei jedes seiner Augen ein
unabhängiger Funken strahlender Helligkeit. Einen Moment
schien er gegen eine unsichtbare Macht anzukämpfen, gegen
ein Feuer aus dem Inneren, das ihn zu verzehren drohte. Es
ging vorüber, und er sprach weiter.
»Der Grad der Bewußtheit«, fuhr er fort, »ist bei jedem
Lebewesen abhängig davon, in welchem Maß es sich von dem
Druck der allgemeinen Emanationen tragen zu lassen
vermag.«
Nach längerer Unterbrechung nahm Don Juan seine
Erklärung wieder auf. Die Seher, so sagte er, sahen nämlich,
daß das Bewußtsein bereits vom Augenblick der Empfängnis
an bereichert und erweitert wird – durch den schieren Vorgang
des Lebendigseins. So etwa sahen die Seher, daß das
Bewußtsein eines Insekts und das Bewußtsein eines Menschen
sich seit dem Augenblick der Empfängnis in erstaunlich
unterschiedlicher Weise, aber mit gleicher Folgerichtigkeit
entwickeln.
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»Entwickelt sich das Bewußtsein also seit dem Moment der
Empfängnis oder seit dem Moment der Geburt?« fragte ich.
»Bewußtsein entwickelt sich seit dem Moment der
Empfängnis«, erwiderte er. »Ich habe dir immer gesagt, daß
sexuelle Energie etwas höchst Bedeutungsvolles ist und daß
sie kontrolliert und sehr behutsam eingesetzt werden sollte.
Aber du hast immer abgelehnt, was ich sagte, weil du
meintest, ich verstünde Kontrolle im moralischen Sinn; ich
verstand es aber immer im Sinne des Sparens und
Umdirigierens von Energie.« Don Juan schaute Genaro an.
Genaro nickte zustimmend. »Genaro wird dir erzählen, was
unser Wohltäter, der Nagual Julian, über das Sparen und
Umdirigieren der sexuellen Energie zu sagen pflegte«, sagte
Don Juan zu mir.
»Der Nagual Julian pflegte zu sagen, daß Sex-Machen eine
Frage von Energie ist«, fing Genaro an. »Er selbst zum Beispiel
hatte nie Probleme mit dem Sex, denn er hatte zentnerweise
Energie. Aber er brauchte nur einen Blick auf mich zu werfen,
um festzustellen, daß mein Fimmel nur zum Pinkeln taugt. Er
sagte, ich hätte nicht genug Energie, um Sex zu machen. Meine
Eltern, sagte er, waren zu gelangweilt und zu müde, als sie
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mich machten; er sagte, ich sei das Ergebnis von sehr
langweiligem Sex – cojida aburrida. Und so kam ich auf die
Welt, gelangweilt und müde. Der Nagual Julian empfahl,
Leute wie ich sollten besser keinen Sex machen; so könnten
wir das bißchen Energie, das wir haben, aufspeichern.
Dasselbe sagte er zu Silvio Manuel und zu Emilito. Bei den
anderen sah er, daß sie genug Energie hatten. Sie waren nicht
das Ergebnis von langweiligem Sex. Er sagte ihnen, sie
könnten mit ihrer sexuellen Energie machen, was sie wollten,
aber er empfahl ihnen doch, sich zu kontrollieren und den
Befehl des Adlers zu begreifen, daß Sex dazu da ist, um die
Glut der Bewußtheit zu verschenken. Wir alle sagten, wir
hätten verstanden. Eines Tages, und ohne jede Vorwarnung,
öffnete er mit Hilfe seines eigenen Wohltäters, des Nagual
Elias, den Vorhang zur anderen Welt und stieß uns alle
bedenkenlos hinein. Wir alle, außer Silvio Manuel, wären dort
beinah gestorben. Wir hatten keine Energie, um der Wirkung
der anderen Welt standzuhalten. Keiner von uns, außer Silvio
Manuel, hatte die Empfehlung des Nagual befolgt.«
»Was ist der Vorhang zur anderen Welt?« fragte ich Don
Juan.
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»Wie Genaro sagt – es ist ein Vorhang«, antwortete Don
Juan. »Aber du schweifst vom Thema ab. Das tust du immer.
Wir sprachen gerade über den Befehl des Adlers, was den Sex
betrifft. Der Befehl des Adlers sagt, daß die sexuelle Energie
eingesetzt werden soll, um Leben zu erzeugen. Durch sexuelle
Energie verleiht der Adler Bewußtsein. Wenn also die
Lebewesen Geschlechtsverkehr üben, tun die Emanationen im
Innern ihres Kokon alles, um dem neuen empfindenden
Wesen, das sie erzeugen, Bewußtsein zu schenken.«
Während des Geschlechtsakts, so sagte er, gerieten die in
den Kokons beider Partner eingeschlossenen Emanationen in
heftige Erregung, auf deren Höhepunkt sich zwei Teile der
Glut des Bewußtseins vereinigten – je eines von beiden
Partnern, das sich aus ihrem Kokon ablöse.
»Der Geschlechtsverkehr ist immer ein Schenken von
Bewußtsein, auch falls dieses Geschenk nicht Wirklichkeit
wird«, fuhr er fort. »Die Emanationen im Innern des Menschen
kennen keinen Geschlechtsverkehr nur zum Spaß.«
Genaro beugte sich am Tisch zu mir herüber und sprach,
eindringlich mit dem Kopf nickend, mit leiser Stimme: »Der
Nagual sagt dir die Wahrheit«, sagte er und zwinkerte mir zu.
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»Diese Emanationen haben tatsächlich keine Ahnung.« Don
Juan mußte gegen das Lachen kämpfen. Dann meinte er, der
Mensch sei im Irrtum, wenn er das Mysterium der Existenz
mißachte und einen so sublimen Akt, wie die Verleihung von
Leben und Bewußtsein, für einen lediglich körperlichen Trieb
halte, den man beliebig verbiegen könne.
Genaro machte obszöne Gebärden und ließ seine Hüften
kreisen. Don Juan nickte und meinte, genau dies habe er
ausdrücken wollen. Genaro dankte ihm feierlich für die
Anerkennung dieses seines einzigen Beitrags zur Erklärung
der Bewußtheit. Die beiden überschlugen sich vor Lachen und
meinten, ich wisse ja gar nicht, mit welchem Ernst ihr
Wohltäter über die Erklärung der Bewußtheit gesprochen
habe, sonst könnte ich in ihr Lachen einstimmen.
Ich blieb ernst und fragte Don Juan, welche Bedeutung diese
Gedanken für den normalen Menschen in seiner Alltagswelt
hätten. »Du meinst, was Genaro eben gemacht hat?« fragte er
mit gespieltem Ernst. Ihre Ausgelassenheit war immer
ansteckend. Es dauerte lange, bis sie sich wieder beruhigten.
Sie verfügten beide über ein solches Maß an Energie, daß ich
mir neben ihnen alt und gebrechlich vorkam.
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»Ich weiß es wirklich nicht«, antwortete Don Juan
schließlich. »Alles, was ich weiß, gilt für die Krieger. Sie
wissen, daß die einzige Energie, die wir besitzen, eine
lebenspendende sexuelle Energie ist. Dieses Wissen macht,
daß sie sich stets ihrer Verantwortung bewußt sind.
Wenn der Krieger genügend Energie haben will, um zu
sehen, dann muß er mit seiner sexuellen Energie geizig
haushalten. Das war die Lektion, die der Nagual Julian uns
erteilte. Er stieß uns in das Unbekannte, und wir alle wären
dort beinah umgekommen. Da wir aber alle sehen wollten,
mußten wir uns hüten, unsere Glut der Bewußtheit zu
verschwenden.«
Diese Überzeugung hatte ich von ihm schon öfter gehört.
Und jedesmal gerieten wir in eine Auseinandersetzung. Ich
fühlte mich immer genötigt, zu protestieren und Einwände
gegen eine, wie mir schien, puritanische Auffassung der
Sexualität zu erheben. Das tat ich auch jetzt wieder. Die beiden
lachten unter Tränen.
»Was kann man gegen die natürliche Sinnlichkeit des
Menschen tun?« fragte ich Don Juan.
»Nichts«, erwiderte Don Juan. »An der Sinnlichkeit des
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Menschen ist nichts verkehrt. Verkehrt ist aber die
Unwissenheit des Menschen und seine Gleichgültigkeit gegen
das Magische, das in seiner Natur liegt. Es ist ein Fehler, die
lebenspendende Kraft der Sexualität unbekümmert zu
vergeuden und keine Kinder zu bekommen, aber es ist ebenso
ein Fehler, nicht zu wissen, daß man, indem man Kinder
bekommt, die Glut der Bewußtheit schmälert.«
»Wieso wissen die Seher denn, daß man die Glut der
Bewußtheit schmälert, indem man Kinder bekommt?« fragte
ich.
»Sie sehen, daß die Glut der Bewußtheit bei den Eltern
abnimmt, wenn sie ein Kind bekommen, während sie beim
Kinde zunimmt. Bei manchen übersensiblen und zarten
Menschen verschwindet die Glut der Bewußtheit beinah ganz.
Während die Kinder ihr Bewußtsein vermehren, entsteht ein
großer dunkler Fleck im leuchtenden Kokon der Eltern, genau
an der Stelle, von der die Glut weggenommen wurde.
Meistens in der Mitte des Kokon. Manchmal sind diese
Flecken sogar zu sehen, wie sie den Körper überlagern.«
Ich fragte ihn, auf welche Weise man den Menschen zu
einem ausgeglicheneren Verständnis für die Glut der
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Bewußtheit verhelfen könnte.
»Gar nicht«, sagte er. »Zumindest gibt es nichts, was die
Seher tun könnten. Die Seher streben danach, frei zu sein,
unvoreingenommene Zeugen und unfähig, Urteile abzugeben.
Sonst müßten sie die Verantwortung auf sich nehmen, einen
ausgeglicheneren Zyklus zu begründen. Dies kann niemand
tun. Der neue Zyklus, falls er kommt, muß von selbst
kommen.«