Gedanken von Schülern

Mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 8.5.1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Er ließ einen zu gro- ßen Teilen zerstörten Kontinent zurück. Am härtesten betroffen waren England, Deutschland und die UdSSR. In vielen deutschen Städten war mehr als die Hälfte des Wohnraumes zerstört, zum Beispiel in Hamburg, Bremen, Dortmund, Essen, Köln, Frankfurt am Main, Stuttgart, Nürnberg, Dresden, Magdeburg und Berlin. Natürlich waren nicht nur die Wohngebiete zerstört, sondern auch die Industrieanlagen, die ja als vorrangiges Ziel von Luftangriffen galten. In den zwei Jahren von 1945-1947 tat sich in Bezug auf den Wiederaufbau nur wenig, da das Geld fehlte. Es wurden zwar die Straßen von den Trümmern, die der Krieg hinterlassen hatte, befreit, aber Geld für den Wiederaufbau wurde für andere dringende Aufgaben, zum Beispiel die medizinische Versor-gung, gebraucht. Natürlich fehlten nicht nur in Deutschland entsprechende finanzielle Mittel für alle Bereiche. Der Winter 1946/47 war besonders hart. Nicht nur die britische Wirtschaft war zum Stillstand gekommen, es herrschte fast überall in Europa Kohle-knappheit, besonders in Frankreich und Österreich.

Nach einer weiteren Verhärtung der sowjetisch-amerikanischen Beziehungen während der Konferenzen von Jalta und Potsdam, sowie dem sowjetischen Druck auf die Türkei und dem Bürgerkrieg in Nordgriechenland, fand im März/April die vierte Außenmi-nisterkonferenz der Siegermächte in Moskau statt. Darin äußerte US-Außenminister George C. Marshall das Vorhaben, die deut-sche Wirtschaft wiederzubeleben. Dies sollte einen einheitlichen Wirtschaftsraum in Deutschland schaffen. Die Sowjets wollten dem allerdings nicht zustimmen, ohne vorher 10 Mrd. $ an Reparationszahlungen, sowie einen Teil der Kontrolle über das Ruhr-gebiet zu erlangen. Diese Bedingungen wurden von den Westalliierten nicht erfüllt, und man ging ohne Ergebnis auseinander. Die Kluft zwischen den Verbündeten war offenbar geworden.

In seiner Rede an der Harvard-University, Massachusetts, vom 5.6.1947 äußerte George C. Marshall, daß in Europa verstärkte Wirtschaftshilfe von den USA geleistet werden müsse. Die Hilfe bot er ganz Europa an, auch wenn man auf amerikanischer und englischer Seite damit rechnete, daß Stalin weder an dem Programm teilnehmen, noch es den sowjetischen Satellitenstaaten (späterer Warschauer Pakt) gestatten würde. Mit Stalins Einstieg in das Programm wäre auch das politische Ziel des Planes, nämlich sich durch diese Hilfe Verbündete in (West-) Europa zu sichern, bzw. zu verhindern, daß sich Staaten, die sich in wirt-schaftlicher Not befanden, zum Kommunismus hinorientierten, hinfällig geworden. Die wirtschaftlichen Ziele des Marshallplanes lagen auf der Hand: die USA suchten Handelspartner, die kurzfristig nur in einem wirtschaftlich wiedererstarkten Europa zu finden waren.

Die Marshallplanhilfe war schon mit Großbritannien und Frankreich abgesprochen. Auf Einladung dieser beiden Länder kamen Delegationen aus Europa, auch die sowjetische, nach Paris. Dort wurde das weitere Verfahren abgesprochen.

Die UdSSR verließ die Verhandlungen wegen Differenzen mit der (amerikanischen) Wirtschaft (Marktwirtschaft), außerdem akzeptierte sie nicht, daß die USA bestimmen wollten, wie die Gelder in den Staaten verteilt werden.
Am Ende schlossen sich folgende Länder der Marshallplanhilfe der USA an: Belgien, Westdeutschland, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Griechen-land, Irland, Island, Italien, Jugoslawien (ab 1950/51), Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Österreich, Portugal, Schweden, und die Türkei.
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Die Höhe der Marshallplanmittel und ihr Einsatz unterschieden sich von Land zu Land. Die vier bevölkerungsreichsten Länder bekamen zwar den Hauptanteil, jedoch profitierten die kleinen Länder mehr davon, da die Gelder hier pro Kopf berechnet wurden.

Von den vier bevölkerungsreichsten Ländern erhielt Großbritannien 3,4 Mrd. US-$, Frankreich 2,8 Mrd. $, Italien 1,5 Mrd. $ und Westdeutschland (ab 1949 Bundesrepublik Deutschland) 1,4 Mrd. $.
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III Zum Vergleich: Norwegen erhielt 136 US-$ pro Kopf, Österreich 131, Griechenland 128, die Niederlande 111, Frankreich 71, Großbritannien 53, Italien 30 und Deutschland 18.

III Die Marshallplanhilfe machte folgenden Anteil an der Gesamtwirtschaftsleistung der Länder aus:
Österreich 14%, Niederlande 10,8%, Frankreich 6,0%, Deutschland 2,8%, Belgien/Luxemburg: 0,6%, Schweden 0,3%.

III Der Verwendungszweck der Marshallplanhilfe unterschied sich ebenfalls von Land zu Land:
Import von Maschinen, Fahrzeugen, sowie Eisen- und Stahlprodukten:
Island: 41,8%, Belgien/Luxemburg: 35,8%, Norwegen: 25,7%, Österreich: 11,3%, Großbritannien: 8,8%, Deutschland: 3,3%,

III Nahrungsmittelimporte:
Deutschland: 46,8%, Italien: 35,2%, Österreich (1949): 77,7%

III Investitionen: Österreich: 50%, Niederlande: 38%.

Die Gesamtausgaben des Marshallplanes beliefen sich auf ca. 12,4 Mrd. US-$.
Selbst die afrikanischen Kolonien der europäischen Länder profitierten vom Marshallplan.

Die Unterstützung erfolgte in Waren- und Sachlieferungen, die zurückzuzahlenden Kredite wurden in der landeseigenen Wäh-rung auf Sonderkonten eingezahlt. Deutschland mußte nur etwa 20% der Gelder zurückzahlen.

Die am 23.5.1949 gegründete Bundesrepublik Deutschland wurde am 15.12.1949 offizielles Mitglied des ERP-Abkommens. Bis dahin hatte Westdeutschland nur unter Aufsicht der alliierten Besatzungsmächte (Frankreich, Großbritannien, USA) am Mar-shallplan teilgenommen. In Westdeutschland wurde am 21.6.1948 die Währungsreform durchgeführt, die deutlich machte, daß es kein einheitliches Wirtschaftssystem in Deutschland geben würde.

Nach dem Eintreffen der ersten Hilfeleistungen in Deutschland (Sommer 1948) trat in den entsprechenden Bereichen rasch eine Verbesserung der Situation ein. Nach dem Hungerwinter 1947/48 waren im Jahr 1949 in Deutschland und anderen Teilnehmer-ländern wieder genügend Nahrungsmittel vorhanden. Die Geschäfte füllten sich wieder mit Waren, die Preise wurden normal
und die inzwischen obligatorischen Schwarzmärkte, die es besonders in den Ballungszentren (Berlin, Ruhrgebiet) gab, ver-schwanden wieder. Kurz: das Leben normalisierte sich. Seit 1949 wurden in Deutschland durch den Marshallplan auch wieder Importe, besonders Industriegüter (Rohstoffe) durchgeführt. Gleichzeitig wurde auch wieder exportiert, besonders in
die anderen Teilnehmerländer des Marshallplans. Im zweiten Quartal 1951 überstieg der Export den Import. Verbunden mit dem Aufleben der Wirtschaft sank die Arbeitslosenquote und die Wirtschaftsleistung stieg (Steigerung des Bruttosozialprodukts 1951 gegenüber dem Vorjahr: 21%). Neben dem Aufblühen der Wirtschaft wurde auch der Wohnungsbau vorangetrieben, er konnte aber den Bedarf kurzfristig nicht decken, da viele Flüchtlinge und Vertriebene aus den Ostgebieten nach Deutschland kamen. Nach Ende des ERP 1952 war die Bundesrepublik unabhängig von weiterer Auslandshilfe. Deutschland hatte mit 1,4 Mrd. US-$ fast ein Zehn-tel aus der Marshallplanhilfe erhalten. Seit dieser Zeit galt Deutschland als das Wirtschaftswunderland; hier war der Kontrast besonders deutlich, da im anderen Teil von Deutschland, der DDR, die nicht am Marshallplan teilnahm, ein wirtschaftlicher Auf-schwung fast völlig ausblieb.
Es gab neben dem Ostblock nur zwei weitere europäische Staaten, die nicht an dem Programm teilnahmen: Finnland und Spanien. Finnland betrieb seit 1945 eine blockfreie Politik, näherte sich aber teilweise der Sowjetunion an, man befürchtete Repressionen, und reihte sich daher in die Boykottfront ein. Spanien bewarb sich zwar um die Hilfe, jedoch wurde diese von den USA abge-lehnt, da das Regime in Spanien unter Franco faschistoide Züge aufwies. Ein solches System wollten die USA nicht unterstützen. Jedoch bekam Spanien Ende der 50er Jahre wirtschaftliche Hilfe aus einem Sonderfonds der OEEC, die zum “spanischen Wirtschaftswunder” führte.

Die Tschechoslowakei, Ungarn und Polen zeigten sich zuerst interessiert, mußten aber dann, auf Druck der UdSSR ihre Bewer-bungen zurückziehen. Jugoslawien lehnte anfangs ebenfalls ab, näherte sich aber seit dem dem Bruch Titos mit Moskau dem Marshallplan wieder an (“Wir sind nicht mehr der Auffassung, daß er so katastrophal ist, wie er von gewisser Seite beschrieben wird”), und empfing 1950/51 erste Hilfsleistungen.

Im Kreml war man sich anfangs unsicher, wie man sich dem Marshallplan gegenüber verhalten sollte. Darauf deuten das Zögern der Sowjets hin und schließlich ihr Erscheinen in Paris und das Scheitern der Verhandlungen. Zum einen hatte die Sowjetunion eine wirtschaftliche Hilfe wohl nötig, zum anderen schien Marshalls Angebot aber auf einer Linie mit der Truman-Doktrin zu liegen, die eine Eindämmung der kommunistischen Expansion vorsah. Anfangs war die Resonanz von Molotow (sowjetischer Außen-minister) durchaus positiv, die sowjetische Haltung wurde aber im Laufe der Verhandlungen in Paris ablehnend.
Aus der Sicht heutiger Historiker wird der Rückzug der sowjetischen Delegation aus den Pariser Verhandlungen (2.7.1947) mit dem Anfang des kalten Krieges gleichgesetzt. Nach diesem Datum gab Stalin jegliche Rücksichtnahme gegenüber den West-alliierten auf und verfolgte nun eine brutalere Politik zur Vollendung der “Sowjetisierung” der Ostblockländer. Der Marshallplan wurde nun als aggressive, expansionistische Strategie des US-Imperialismus gesehen. Als Gegenorganisation zum Marshallplan wurde im Januar 1949 der RGW (Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe) gegründet, der jedoch nie eine wirtschaftlich so bedeutende Rolle spielte wie der Marshallplan; lediglich in den 70er und 80er Jahren wurde er etwas bedeutender.

Man kann noch darüber spekulieren, ob der Marshallplan nicht schon von Anbeginn an von den USA darauf angelegt war, die Sowjetunion und die Staaten Osteuropas auszuschließen. Durch die Einführung des Marshallplans haben die USA einerseits die (west)europäische Integration vorangetrieben, andererseits aber auch die sich beschleunigende Spaltung Europas in zwei
Blöcke zumindest in Kauf genommen. So wie der Plan konzipiert war, hatte die UdSSR praktisch keine andere Möglichkeit als abzulehnen. Der Marshallplan war vermutlich der finale Auslöser für die endgültige Blockbildung, deren Entwicklung durch die verschiedenen Ideologien bereits vorgezeichnet war.

Vertieft hat der Marshallplan die Spaltung Europas auf jeden Fall, jedoch darf man die Leistungen, die er für den Wiederaufbau Westeuropas erbracht hat, nicht vergessen.

Diese Web-Site über den Marshallplan wurde vom Leistungskurs Politische Weltkunde am Rückert-Gymnasium in Berlin-Schöne-berg für die CitiHistory-Ausstellung” 50 Jahre Marshall-Plan 1947-1997″ gestaltet.

© Tobias Müller, Shuji Otani, Peter Kersten 1997. Seitdem kleinere Ergänzungen.