Carlos Castaneda – Das Feuer von innen

Kapitel 1: Die neuen Seher

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Ich war in Oaxaca angekommen, im Süden Mexikos, unterwegs in die Berge, wo ich Don Juan aufsuchen wollte. Frühmorgens, auf dem Weg aus der Stadt, hatte ich die Eingebung, über den großen Platz zu fahren, und dort fand ich ihn auf seiner Lieblingsbank sitzen, als hätte er auf mich gewartet.

Ich setzte mich zu ihm. Er erzählte mir, er halte sich in Geschäften in dieser Stadt auf und habe sich in einer Pension am Ort eingemietet, wo auch ich willkommen wäre, denn er müsse noch zwei Tage in der Stadt bleiben. Wir sprachen noch eine Weile über meine Aktivitäten und Probleme in der akademischen Welt. Wie es seine Gewohnheit war, schlug er mich plötzlich auf den Rücken, gerade als ich es am wenigsten erwartete, und der Schlag versetzte mich in einen Zustand gesteigerter Bewußtheit. Lange blieben wir schweigend sitzen. Ich wartete gespannt darauf, daß er zu reden anfange, doch als er es tat, überraschte er mich.

»Jahrhunderte bevor die Spanier nach Mexiko kamen«, sagte er, »gab es außerordentliche Tolteken-Seher, Männer, die unvorstellbarer Taten fähig waren. Sie waren das letzte Glied in einer Kette des Wissens, die sich durch die Jahrtausende zog. Die toltekischen Seher waren ungewöhnliche Menschen – mächtige Zauberer, düstere, getriebene Männer, Mysterien ergründend und mit Geheimnissen bekannt, die sie nutzten, um die Menschen in ihren Bann zu schlagen und zu plagen, indem sie deren Bewußtsein auf irgendetwas fixierten, wie immer es ihnen gefiel.« Er unterbrach sich und sah mich eindringlich an. Ich spürte, er wartete darauf, daß ich ihm eine Frage stelle, aber ich wußte nicht, was ich fragen sollte.

»Ich muß eine wichtige Tatsache hervorheben«, fuhr er fort, »nämlich, daß diese Zauberer das Bewußtsein ihrer Opfer fixieren konnten. Das hast du gar nicht mitbekommen. Als ich es erwähnte, bedeutete es dir nichts. Das ist nicht weiter verwunderlich. Eine der Tatsachen, die wir am schwersten akzeptieren, ist, daß das Bewußtsein manipuliert werden kann.«

Ich war verwirrt. Ich wußte, daß er mich zu irgend etwas hinführen wollte. Ich empfand eine vertraute Bangigkeit – dasselbe Gefühl, das ich immer hatte, wenn er mit einem neuen Kapitel seiner Lehren begann. Ich erzählte ihm, wie mir zumute war. Er lächelte unbestimmt. Meistens, wenn er lächelte, strahlte er freudig. Diesmal war er eindeutig befangen. Eine Weile schien es, als überlegte er, ob er weitersprechen solle. Er starrte mich wieder eindringlich an und ließ seinen Blick langsam über die volle Länge meines Körpers gleiten. Dann, offenbar befriedigt, nickte er und sagte, ich sei bereit für eine letzte Übung, etwas, das alle Krieger hinter sich bringen müßten, bevor sie sich als fähig betrachten dürften, für sich allein zu bestehen. Ich war verwirrter denn je.

»Wir werden über die Bewußtheit sprechen«, fuhr er fort. »Die toltekischen Seher verstanden sich auf die Kunst des Umgangs mit dem Bewußtsein. Tatsächlich waren sie hohe Meister dieser Kunst. Wenn ich sage, sie verstanden sich darauf, das Bewußtsein ihrer Opfer zu fixieren, so meine ich damit, daß ihr Geheimwissen und ihre geheimen Praktiken es ihnen erlaubten, das Geheimnis der Bewußtheit aufzudecken. Nicht wenige ihrer Praktiken haben sich bis auf den heutigen Tag erhalten, aber zum Glück in abgewandelter Form. Ich sage, zum Glück, denn dieses Unterfangen hat die Tolteken-Seher, wie ich gleich erklären werde, nicht zur Freiheit geführt, sondern in den Untergang.«

»Kennst du selbst diese Praktiken?« fragte ich. »Na, gewiß«, antwortete er. »Es ist uns gar nicht möglich, diese Techniken nicht zu kennen, aber das heißt nicht, daß wir selbst sie praktizieren. Wir haben eine andere Auffassung. Wir gehören einem neuen Zyklus an.«

»Aber du hältst dich doch nicht für einen Zauberer, Don Juan, nicht wahr?« fragte ich.

»Nein, das nicht«, sagte er. »Ich bin ein Krieger, der sieht. Tatsächlich sind wir allesamt neue Seher – los nuevos videntes. Die alten Seher, das waren die Zauberer.«

»Für den Durchschnittsmenschen«, fuhr er fort, »ist die Zauberei ein negatives Geschäft, aber gleichwohl ist sie faszinierend. Das ist auch der Grund, warum ich dich in deinem normalen Bewußtseinszustand ermunterte, uns für Zauberer zu halten. Das kann ratsam sein. Es hilft, Interesse zu wecken. Doch ein Zauberer zu sein, das würde für uns bedeuten, in eine Sackgasse zu rennen.«

Ich wollte wissen, was er damit meine, aber er war nicht bereit, darüber zu sprechen. Er sagte, er werde später ausführlich auf dieses Thema eingehen, im Zusammenhang mit seiner Erläuterung der Bewußtheit.

Dann fragte ich ihn nach dem Ursprung dieses toltekischen Wissens.

»Die Tolteken beschritten den Pfad des Wissens, indem sie Kraft-Pflanzen einnahmen«, erwiderte er. »Sei es aus Hunger, aus Neugier oder Irrtum, sie aßen sie jedenfalls. Nachdem die Kraft-Pflanzen ihre Wirkung an ihnen getan hatten, war es nur eine Frage der Zeit, bis einige von ihnen anfingen, ihre Erfahrungen zu analysieren. Meiner Meinung nach waren diese ersten Männer auf dem Pfad des Wissens sehr wagemutig, aber auch sehr irregeleitet.«

»Ist das nicht nur deine Vermutung, Don Juan?«

»Nein, das ist nicht meine Vermutung. Ich bin ein Seher, und wenn ich mein Sehen auf jene Zeit richte, weiß ich, was damals geschah.«

»Kannst du die Dinge der Vergangenheit in allen Einzelheiten sehen!« fragte ich.

»Sehen ist ein besonderes Gefühl, etwas zu wissen«, entgegnete er, »etwas ohne die Spur eines Zweifels zu wissen. In diesem Fall weiß ich, was diese Männer taten, nicht nur weil ich sehe, sondern auch weil wir so eng miteinander verbunden sind.«

Dann erklärte mir Don Juan, daß er das Wort »Tolteke« in einem Sinn verwende, der nicht dem entsprach, was ich darunter verstand. Für mich bedeutete es eine Kultur, das Reich der Tolteken. Für ihn bedeutete »Tolteke« einen »Mann des Wissens«. In jener Zeit, von der er spreche, meinte er, Jahrhunderte oder gar Jahrtausende vor der spanischen Konquista, lebten all diese Männer und Frauen in einer weiten geographischen Region, nördlich und südlich des Tals von Mexiko, und sie waren mit bestimmten Aufgaben befaßt: Heilen, Behexen, Geschichtenerzählen, Tanzen, Orakeldienst, Zubereitung von Nahrung und Getränken.

Diese Aufgaben förderten bei ihnen ein besonderes Wissen – ein Wissen, daß sie vom Durchschnitt der Menschen unterschied. Außerdem aber waren die Tolteken auch Menschen, die im Gefüge des Alltagslebens ihren Platz fanden, ganz ähnlich wie Ärzte, Künstler, Lehrer, Priester und Händler in unserer Zeit. Sie übten ihren Beruf unter der strengen Kontrolle von organisierten Bruderschaften, und sie wurden so tüchtig und einflußreich, daß sie sogar Menschengruppen beherrschen konnten, die jenseits des geographischen Gebiets der Tolteken wohnten.

Nachdem einige dieser Männer, so sagte Don Juan, schließlich zu sehen gelernt hatten – es war nach Jahrhunderten des Umgangs mit Kraft-Pflanzen -, fingen die tatkräftigsten unter ihnen an, auch andere Menschen in der Kunst des Sehens zu unterweisen. Und das war der Anfang von ihrem Ende. Mit der Zeit wuchs die Zahl der Seher, doch ihre zwanghafte Beschäftigung mit dem, was sie sahen, zumal es sie mit Andacht und Furcht erfüllte, wurde so ausschließlich, daß sie aufhörten, Wissende zu sein. Sie wurden sehr tüchtig in der Kunst des Sehens und vermochten große Macht über die fremden Welten auszuüben, die sie
schauten. Aber es half ihnen nichts. Das Sehen hatte ihre Kraft ausgehöhlt, und es bewog sie, sich zwanghaft mit dem zu beschäftigen, was sie sahen.

»Es gab aber Seher, die diesem Schicksal entgingen«, fuhr Don Juan fort. »Große Menschen, die trotz ihres Sehens niemals aufhörten, Wissende zu sein. Einige von ihnen strebten danach, das Sehen in positivem Sinn zu nutzen und es auch ihre Mitmenschen zu lehren. Ich bin überzeugt, daß die Bevölkerungen ganzer Städte, von ihnen angeführt, in andere Welten zogen und niemals wiederkehrten. Jene Seher aber, die nur sehen konnten, waren dem Untergang geweiht, und als das Land, in dem sie lebten, von einem Eroberervolk überrannt wurde, waren sie so wehrlos wie jeder andere.«

»Diese Eroberer«, fuhr er fort, »übernahmen die ganze Welt der Tolteken – sie eigneten sich alles an, und doch lernten sie niemals Sehen.«

»Wieso glaubst du, daß sie niemals zu sehen lernten?« fragte ich.

»Weil sie die Techniken der Tolteken-Seher nachahmten, ohne das innere Wissen der Tolteken zu haben. Noch heute gibt es Mengen von Zauberern überall in Mexiko, Nachfahren dieser Eroberer, die dem Weg der Tolteken folgen, aber nicht wissen, was sie tun oder wovon sie reden, weil sie keine Seher sind.«

»Wer waren diese Eroberer, Don Juan?«

»Andere Indianer«, sagte er. »Als die Spanier kamen, waren die alten Seher schon seit Jahrhunderten verschwunden, aber es gab eine neue Gattung von Sehern, die anfingen, ihren Platz in einem neuen Zyklus zu sichern.«

»Was meinst du damit, eine neue Gattung von Sehern?«

»Nachdem die Welt der ersten Tolteken vernichtet war, zogen sich die überlebenden Seher zurück und widmeten sich einer gewissenhaften Prüfung ihrer Praktiken. Als erstes führten sie Pirschen, Träumen und Absicht als zentrale Techniken ein, um der Einnahme von Kraft-Pflanzen entgegenzuwirken; vielleicht gibt uns dies einen Hinweis, was ihnen mit den Kraft-Pflanzen eigentlich widerfahren war. Der neue Zyklus war eben dabei, Fuß zu fassen, als die spanischen Eroberer in das Land einfielen. Zum Glück waren die neuen Seher mittlerweile gründlich darauf vorbereitet, es mit dieser Gefahr aufzunehmen. Sie waren bereits vollendete Praktiker in der Kunst des Pirschens. Die folgenden Jahrhunderte der Unterjochung boten diesen neuen Sehern ideale Bedingungen, um ihre Fähigkeiten zu vervollkommnen. Merkwürdigerweise waren es gerade die ungeheure Härte und die Zwangsherrschaft jener Zeit, die sie beflügelten, ihre neuen Prinzipien zu verfeinern. Und aufgrund der Tatsache, daß sie niemals ihre Tätigkeit bekanntmachten, wurden sie in Ruhe gelassen und konnten ihre Ergebnisse systematisieren.«

»Gab es eine große Zahl solcher neuer Seher zur Zeit der Konquista?« fragte ich.

»Anfangs wohl. Gegen Ende waren sie nur eine Handvoll. Die übrigen waren vernichtet worden.«

»Und wie ist es heute, Don Juan?« fragte ich.

»Es gibt einige. Sie sind überall verstreut, verstehst du?«

»Kennst du sie?« fragte ich.

»So eine einfache Frage ist am schwersten zu beantworten«, erwiderte er. »Es gibt einige, die wir sehr gut kennen. Aber sie sind uns nicht sehr ähnlich, denn sie konzentrieren sich auf andere Aspekte des Wissens, wie etwa Tanzen, Heilen, Behexen, Sprechen; nicht aber auf die Dinge, welche die neuen Seher empfahlen, nämlich Pirschen, Träumen und Absicht. Jene, die uns ähnlich sind, würden niemals unseren Weg kreuzen. Die Seher, die während der Konquista lebten, haben es so verfügt, um zu vermeiden, daß sie in der Konfrontation mit den Spaniern vernichtet würden. Jeder dieser Seher begründete eine Schule. Und nicht alle fanden sie Nachfolger, so daß es nur noch wenige Schulen gibt.«

»Kennst du welche, die uns genau gleichen?« fragte ich.

»Einige«, antwortete er lakonisch.

Dann bat ich ihn um alle Informationen, die er mir geben könne, denn ich war lebhaft an diesem Thema interessiert. Für mich war es wichtig, und zwar um der Verifizierung und wissenschaftlichen Überprüfung willen, Namen und Adressen zu erfahren.

Don Juan schien nicht geneigt, mir entgegenzukommen. »Die neuen Seher haben diese Art der Überprüfung schon hinter sich«, sagte er. »Die Hälfte von ihnen ließen ihre Knochen in der Verifizierungskammer zurück. Darum sind sie nunmehr einsame Vögel. So wollen wir es lassen. Wir können lediglich über unsere Schule sprechen. Über sie können wir beide sagen, soviel wir wollen.«

Alle diese Seher-Schulen, erklärte er, wurden zur selben Zeit und in derselben Weise begründet. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts begann jeder Nagual sich und seine Gruppe von Sehern bewußt gegen jeden Kontakt mit anderen Sehern abzuschirmen. Die Folge dieser drastischen Trennung, so sagte er, war die Herausbildung der einzelnen Schulen. Unsere Schule bestünde aus vierzehn Naguals und einhundertzwanzig Sehern. Manche dieser vierzehn Naguals hatten nicht mehr als sieben Seher um sich versammelt, andere hatten elf, und wieder andere bis zu fünfzehn.

Er erzählte mir, daß sein Lehrer – oder sein Wohltäter, wie er ihn nannte – der Nagual Julian gewesen sei, und Julians Vorgänger war der Nagual Elias. Ich fragte ihn, ob er die Namen aller vierzehn Naguals wisse. Er nannte sie mir und bezeichnete sie mir näher, damit ich erführe, wer sie waren. Er sagte, daß er die fünfzehn Seher, die seines Wohltäters Gruppe bildeten, persönlich gekannt habe und daß er auch den Lehrer seines Wohltäters, den Nagual Elias, und die sieben Seher seines Zuges gekannt habe.

Don Juan versicherte mir, daß unsere Schule eine große Ausnahme bilde, weil sie im Jahre 1723 einen tiefgreifenden Wandel durchmachte, und zwar infolge eines äußeren Einflusses, der auf uns einwirkte und unsere Richtung unvermeidlich änderte. Über das Ereignis selbst wollte er im Augenblick nicht sprechen, aber er sagte, daß sich aus jener Zeit ein neuer Anfang herleite und daß die acht Naguals, die seit damals die Schule geführt hatten, als ganz wesensverschieden von ihren Vorgängern angesehen werden.

Am nächsten Tag mußte sich Don Juan wohl um seine Geschäfte kümmern, denn ich sah ihn erst gegen Mittag. In der Zwischenzeit waren drei seiner Lehrlinge in der Stadt eingetroffen – Pablito, Nestor und la Gorda. Sie gingen Werkzeuge und Material für Pablitos Schreinerei besorgen. Ich schloß mich ihnen an und half mit, ihre Einkäufe zu vervollständigen. Dann kehrten wir alle in die Pension zurück.

Wir vier saßen da und unterhielten uns, als Don Juan in mein Zimmer trat. Er verkündete, wir würden nach dem Essen aufbrechen, er müsse aber, bevor wir ins Restaurant gingen, mit mir persönlich etwas besprechen. Er schlug vor, wir beide sollten einen Spaziergang um den großen Platz machen, und dann sollten wir alle uns in einem Lokal treffen.

Pablito und Nestor standen auf und meinten, sie hätten noch einiges zu erledigen, bevor sie sich mit uns treffen wollten. La Gorda schien sehr ungehalten.

»Was habt ihr denn zu besprechen?« platzte sie heraus, erkannte aber rasch ihren Fehler und kicherte. Don Juan warf ihr einen eigenartigen Blick zu, sagte aber nichts. Durch sein Schweigen ermutigt, schlug la Gorda vor, wir sollten sie doch mitnehmen. Sie beteuerte, sie werde uns nicht im mindesten stören.

»Ich bin sicher, du wirst uns nicht stören«, sagte Don Juan zu ihr, »aber ich möchte eigentlich nicht, daß du mithörst, was ich ihm zu sagen habe.«

La Gorda war sehr sichtlich verärgert. Sie errötete, und als Don Juan und ich das Zimmer verließen, verfinsterte sich ihr ganzes Gesicht vor Eifer und Anspannung und wirkte einen Moment lang verzerrt. Ihr Mund stand offen, ihre Lippen waren spröde. La Gordas Verstimmung war mir sehr peinlich. Ich fühlte mich wirklich unbehaglich. Ich sagte nichts, aber Don Juan schien meine Empfindungen nachzufühlen.

»Du solltest la Gorda Tag und Nacht Dank sagen«, meinte er unvermittelt. »Sie hilft dir, deinen Eigendünkel zu beseitigen. Sie ist ein kleiner Tyrann in deinem Leben, aber das hast du noch immer nicht verstanden.«

Wir schlenderten um die Plaza, bis all meine Nervosität gewichen war. Dann setzten wir uns wieder auf seine Lieblingsbank.

»Die alten Seher waren sehr glücklich dran«, fing Don Juan an, »denn sie hatten genügend Zeit, herrliche
Dinge zu lernen. Laß dir sagen, sie kannten Wunder, die wir uns heute nicht einmal vorstellen können.«

»Wer lehrte sie all dies?« fragte ich.

»Sie lernten das alles von selbst, durch ihr Sehen«, antwortete er. »Die meisten Dinge, die wir in unserer Schule wissen, wurden von ihnen entdeckt. Die neuen Seher korrigierten die Fehler der alten Seher, doch die Grundlage dessen, was wir wissen und was wir tun, ging in der Zeit der Tolteken verloren.« Dies erläuterte er: Eine der einfachsten und doch wichtigsten Erkenntnisse im Hinblick auf die Unterweisung, sagte er, sei das Wissen, daß der Mensch zwei Arten von Bewußtsein hat. Die alten Seher nannten es die rechte Seite und die linke Seite des Menschen.

»Die alten Seher fanden heraus«, fuhr er fort, »daß sie ihr Wissen am besten vermitteln konnten, wenn sie ihre Lehrlinge auf die linke Seite überwechseln ließen, in einen Zustand gesteigerter Bewußtheit. Dort findet das wahre Lernen statt. Kleine Kinder wurden bereits als Lehrlinge zu den alten Sehern geschickt«, fuhr Don Juan fort, »so daß sie gar keine andere Lebensweise kennenlernten. Diese Kinder, wenn sie das entsprechende Alter erreicht hatten, nahmen wiederum Kinder als Lehrlinge auf. Stell dir nur vor, welche Dinge sie bei ihrem Überwechseln auf die linke und auf die rechte Seite entdecken mochten – nach Jahrhunderten solcher Konzentration.«

Ich warf ein, wie beunruhigend dieses Überwechseln für mich wäre. Er meinte dazu, daß meine Erfahrung der seinen ähnlich sei. Sein Wohltäter, der Nagual Julian, habe bei ihm eine tiefe Spaltung hervorgerufen, indem er ihn von einer Art der Bewußtheit zur anderen überwechseln ließ. Er sagte, die Klarheit und Freiheit, die er im Zustand gesteigerter Bewußtheit erlebe, stünden in völligem Gegensatz zu den Rationalisierungen, den Abwehrmanövern, der Wut und der Furcht seines normalen Bewußtseinszustandes.

Die alten Seher verfolgten eine besondere Absicht, wenn sie eine solche Polarität hervorriefen; dadurch zwangen sie ihre Lehrlinge, die Konzentration zu erreichen, die sie brauchten, um die Techniken der Zauberei zu erlernen. Die neuen Seher aber, so sagte er, bedienen sich ihrer, um ihren Lehrlingen die Überzeugung zu vermitteln, daß es noch unerkannte Möglichkeiten im Menschen gibt.

»Die größte Leistung der neuen Seher«, fuhr Don Juan fort, »ist die Art, wie sie das Geheimnis der Bewußtheit erklärten. Sie verdichteten all dies auf einige Begriffe und Taten, die gelehrt werden können, solange der Lehrling bei gesteigerter Bewußtheit ist.«

Der Wert dieser Lehrmethode der neuen Seher, sagte er, liege in der Nutzung der Tatsache, daß niemand sich an etwas erinnern könne, was geschieht, solange er sich in einem Zustand gesteigerter Bewußtheit befinde. Diese Unfähigkeit, sich zu erinnern, errichte eine beinah unüberwindliche Barriere für die Krieger, die sich alle ihnen erteilten Lehren ins Gedächtnis zurückrufen müßten, wenn sie auf dem Weg fortschreiten wollten. Erst nach Jahren des Bemühens und der Disziplin könne der Krieger sich an seine Unterweisung erinnern. Dann aber seien die Begriffe und Techniken, die ihm vermittelt wurden, bereits verinnerlicht worden und hätten dadurch die Kraft gewonnen, die die neuen Seher ihnen zugedachten.


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