Die “Geburt” des UNGEBORENEN
(Der Avatari)
Niemand könnte vom Geheimnis der inneren Lila etwas ahnen, leuchtete das göttliche Spiel nicht von Zeit zu Zeit auch auf Erden auf. Es geschieht dann, wenn die ewigen Gestalten der Avataras “herabsteigen”.
Unter Avatara versteht man das “Herabsteigen” Gottes aus dem unendlichen Reich der Freiheit in die Welt von Zeit und Raum der Maya, ohne dass das Wesen Gottes sich dabei in irgend einer Weise substantiell verändert. Es handelt sich nicht um eine Inkarnation oder Fleischwerdung. Gott unterliegt in keiner Weise den Gesetzen der Mayawelt, auch wenn Er in sie herabkommt, noch benötigt Er eine fleischliche Hülle. Das wird von den Schriften über die Avataras ausgesagt.
Unter dem Einfluss nicht-vedischen Denkens, sind von indischen und westlichen Philosophen der Vergangenheit und der Gegenwart andere Darstellungen gegeben worden, um ihr jeweiliges System zu rechtfertigen. Dazu kommt noch, dass im heutigen Indien dutzende von Pseudomystikern und andere Betrüger als Avatara oder Inkarnation Gottes gefeiert werden.
Krsna, der Ursprung aller Avataras, erklärt hier auf Erden in Seiner ewigen Cit-Gestalt:
“In Yogamaya eingehüllt, bin Ich nicht jedem offenbar. Die Toren können Mich nicht verstehen, den Ungeborenen und Unwandelbaren.” (Bg 7.25)
Krsna spricht hier von der Yogamaya, nicht von der grossen Maya der Welt. Die Yogamaya ist eine der ewigen Seinsweisen der Cit-Sakti, die Spielleiterin des göttlichen Lilas; jene Kraft Gottes, welche die Dramatik der Lila gestaltet und ins Grenzenlose steigert.
Der Wohnort jedes der Avataras ist eine eigene Unendlichkeit in Vaikuntha, dem unendlichen Cit-Reich, das immer und überall ist. Von dort steigen all die verschiedenen Avataras mit ihren ewigen Gefährten herab. Doch in Wirklichkeit steigen sie nicht herab. Denn in der Welt des unendlichen ewigen Seins gibt es ja kein oben und unten, kein aussen und innen und kein vorher und nachher (Bhagavatam X,9.13). Es wird in der Welt der Maya bloss ein Schleier weggezogen. Der überall und ewig seiende Gott und Sein unendliches Reich und Sein Spiel leuchten dann für eine kurze Weile auch im Bereich der Maya auf, der das pervertierte Schattenbild der ewigen Wirklichkeit ist.
Wenn ein Avatara zur Erde oder in eine andere Welt hinabsteigt, so nimmt Er Sein ewiges Reich mit Sich. Der Boden, den Er betritt, das Haus, das Er bewohnt, sind dann – solange Er anwesend ist – nicht mehr Erde, Lehm oder Stein, sondern Vaikuntha (cit-sakti), das Land ohne Begrenzung, wo Zeit und Raum nicht die Herren, sondern die dienenden Helfer der Lila sind.
Alle Lilas Krsnas sind ewig, und alle Seine Spiele sind unbegrenzt von Raum und Zeit. Wenn Er will, sind sie, obgleich sie raum- und zeitlos sind, zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Platz sichtbar, von wo der Vorhang von Zeit und Raum fortgezogen ist. Und wenn Er will, dann schliesst sich wieder der Vorhang von Raum und Zeit und verhüllt wie ein dichter Nebel den Blick in die ewige Wirklichkeit. Die Wunder in der Lila Gottes auf Erden bestehen keineswegs darin, dass die Naturgesetze durchbrochen werden, sondern darin, dass dank der Kunst der Yogamaya sich der Rhythmus des ewigen Spiels oftmals – aber durchaus nicht immer – den Gesetzen des Erdenlaufs anzupassen scheint. Dadurch wird verhindert, dass das göttliche Geheimnis von Unberufenen erkannt wird, auch wenn sie es mit Augen sehen oder davon hören.
Die Avataras sind vielfältiger Art. Da gibt es die Purusa-Avataras (die drei Purusas, angefangen mit Mahavisnu), die Guna-Avataras (Brahma, Visnu und Siva), die vielen Lila-Avataras (z.B. Varaha, Kapila, Ramacandra, Balarama und Krsna Selbst), die Manvantara-Avataras, die Yuga-Avataras * und die Avesa-Avataras (Besonders hochentwickelte Jivas, die von der Cit-Sakti Gottes erfasst und erfüllt werden. Sie werden Sakti-Avesa-Avataras genannt. Daneben gibt es noch die Bhagavad-Avesa-Avataras. Das sind besonders hochstehende Rsis [Heilige], in die eine bestimmte Seinsform Visnus als Avatara eingeht und sich mit ihnen identifiziert, wie z.B. die Lila-Avataras Kapila und Rsabha.)
(* Es gibt 14 Manvantara-Avataras während einem Brahma-Tag. Sie halten sich in der vergänglichen Himmelswelt, Svarga, auf und werden dort von Indra und den anderen Devas verehrt.
Doch in jedem Juga (Satya, Treta, Dvapara und Kali) werden sie auch auf Erden Avatara, zumeist in Gestalt eines Rsis und sie verkünden die Hauptform der Religion, die sich für das betreffende Yuga (Zeitalter) besonders eignet.)
Der Avatari, der Aussender aller Avataras, ist Krsna, der Sein Wesen in der Bhagavad-gita beschreibt:
“Obwohl Ich der Ungeborene bin, mit unwandelbarer (Cit-) Gestalt, und obwohl Ich der allmächtige Herr aller Wesen bin, trete Ich, durch die Mir eigene Kraft (Yoga-maya), in vollkommener Weise in Erscheinung.” (Bg 4.6)
Es heisst, dass Krsna nur einmal während der Geschichte einer Erde, die 4’320 Millionen Jahre dauert, zu ihr niedersteigt und Sein eigenes Reich mit Sich nehmend, für eine bestimmte Zeit Sein innerstes Lila bei den Menschen spielt. Das Padma-Puranam fügt noch hinzu, dass Krsna, wenn Er zu Seiner eigenen Lila herabsteigt, Er alle Reiche der Avataras durchschreitet und dass dann alle Avataras in Ihn eingehen und in Ihm sind, solange Er auf Erden weilt.
Krsna erwähnt auch den Grund für Sein Erscheinen:
“Wann immer Verfall des Dharma ist und ein Aufsteigen des Nicht-Dharma ist, o Arjuna, zu der Zeit erscheine Ich (in Meiner ewigen Form, so wie Ich bin).” (Bg 4.7)
“Um die Frommen zu erretten und die Gottlosen zu vernichten und zur Wiederherstellung des Dharma, erscheine Ich von Zeit zu Zeit.” (Bg 4.8)
“Wer die transzendentale Natur Meines Erscheinens und Meiner Taten (Lilas), die göttlich sind, dem Wesen nach kennt, wird, wenn er den Körper ablegt, nicht wieder in der materiellen Welt geboren, sondern er kommt zu Mir in Mein ewiges Reich, o Arjuna.” (Bg 4.9)